Ausstellung «Expressionismus Schweiz»
Kunst Museum Winterthur, 10.7.21 bis 16.1.22

 

Expressionismus Schweiz


Der Titel der Ausstellung ist geschickt gewählt:
Schweiz – nicht Schweizer. So kann man auch die Stars des Expressionismus zeigen, die man kurzerhand «einbürgert»: Kirchner, Scherer, Werefkin und so. Immerhin haben diese KünstlerInnen ja den Schweizer Expressionismus (mit)geprägt und waren lange Jahre hier tätig – oder sind hier gestorben.

 

 

plakat

 

 

Die expressionistische Malerei stiess in ihren Anfängen – nicht nur in der Schweiz – auf Unverständnis und war höchst umstritten. Die Folge davon war, dass die Künstler ihre Werke nicht oder nur schwer verkaufen konnten – sie mussten bös unten durch. Das galt auch für (heutige) Superstars wie Ernst Ludwig Kirchner.

 

 

Schweizer Künstlergruppen


Um der neuen Bewegung Schwung zu verleihen, gründeten die Künstler Gruppen und Vereinigungen. Damit wollten sie ein Gegengewicht zu den grossen konservativen Verbänden bilden – die bisher den «einheimischen Kunstgeschmack» bestimmt hatten.

 

Schon 1911, also noch vor dem Krieg, enstand in Weggis der >Moderne Bund. Gründungsmitglieder waren die Schweizer >Hans Arp und Oscar Lüthy sowie der deutsche Walter Helbig. Zu ihren ersten Ausstellungen von 1911 (Luzern) und 1912 (Zürich) luden sie «bestandene» Künstler wie >Giovanni Giacometti und >Cuno Amiet ein.

 

 

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>Giovanni Giacometti (1868-1933).
Autoritratto, 1909-1910.
Kunst Museum Winterthur.

 

 

1918, zeitgleich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit dem Generalstreik, wurde in Basel die Künstlergruppe «Das neue Leben» gegründet. Von Otto Morach, Niklaus Stoecklin, Fritz Baumann und Alexander Tschokke. Man strebte eine grosse Kunstwende an, einen radikalen Bruch mit dem bisherigen Kunstverständnis. So richtig «radikal» wurde es dann aber nicht, zumal auch «Bisheriges» wie der Kubismus in dieser Expressionistengruppe auch noch Platz fand. Bis 1920 richtete die Gruppe vier Ausstellungen aus, zu der auch Künstlerinnen eingeladen wurden, so >Sophie Taueber-Arp und die Genferin >Alice Bailly.

 

 

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Otto Morach, Solothurn (1887-1973).
Selbstbildnis, 1923. Stiftung für Kunst,
Kultur und Geschichte, Winterthur.

 


1924 erfolgte die Gründung der bedeutendsten Künstlergruppe für den Schweizer Expressionismus: Die Basler Gruppe «Blau-Rot» des Trios Scherer, Müller und Camenisch (mehr im schwarzen Kasten rechts). Ihre wichtigsten Vorbilder waren >Edvard Munch und >Ernst Ludwig Kirchner.

 

1933 kam es dann – ebenfalls in Basel – zur Gründung der >Gruppe 33, die klar anifaschistische Züge trug. Sie wurde am 10. Mai ins Leben gerufen, genau an jenem Tag, als die Nazis in Deutschland «entartete» Bücher verbrennen liessen. Damit wollte sie ein Zeichen setzen für die Freiheit der Kunst – und nicht explizit für einen bestimmten Stil. Fünfzehn Künstler gehörten der Gruppe 33 an, darunter auch Paul Camenisch, Serge Brignoni und Otto Staiger. Interessant ist, dass der Schweizer Expressionismus bis in die 1930er-Jahre weiterlebte, obwohl dieser in Europa inzwischen bereits abgeebbt war.

 

 

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Titelbild (Ausschnitt)

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938).

Davos im Schnee, 1923.

Kunstmuseum Basel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Bergwald, 1918-20. Kirchner Museum Davos.

 

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Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Mandolinistin, 1921. Kirchner Museum Davos.

 

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Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Die drei Künstler Hermann Scherer, Kirchner, Paul Camenisch, 1926. Kirchner Museum Davos.

 

 

Ernst Ludwig Kirchner – der Superstar

 

Der berühmteste Expressionist stammt aus Bayern. Er ist eigentlich kein Maler, sondern Architekt. Sein Architekturstudium schliesst er 1905 in Chemnitz ab – will aber keine Häuser bauen, sondern malen. In Dresden gründet er dann die Künstlergruppe >Brücke. Von seiner Malkunst kann er aber kaum leben und muss bös unten durch. 1915 geht freiwillig zum Militär, doch er hält den Drill und die Gräuel des Krieges nicht aus.

 

Nach einem Nervenzusammenbruch zieht er 1917 in die Schweiz, um sich behandeln zu lassen. In Davos malt er expressionistische Alpenbilder in frei erfundenen Farben. Seine Lebensgefährtin Erna Schilling sorgt in Berlin dafür, dass seine Werke Käufer finden. Nun ist er erfolgreich – aber als 1937 die Nazis seine Werke als «entartet» diffamieren und beschlagnahmen, beginnt sein grosses Leiden. Er wird alkohol- und morphiumsüchtig und nimmt sich 1938 mit einem Schuss ins Herz das Leben.

 

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1923 bekommt Kirchner in der Kunsthalle Basel eine Einzelausstellung. Junge Künstler wie der Baden-Württemberger Hermann Scherer, der Zürcher Paul Camenisch und der Winterthurer Albert Müller bewundern seine Werke und besuchen Kirchner regelmässig in Davos. Sie lassen sich von seinen expressionistischen Werken anstecken und sind so begeistert, dass sie 1924/25 eine eigene expressionistische Künstlergruppe unter dem Namen Rot-Blau gründen. Zu dieser stossen später noch der Burgdorfer Werner Neuhaus und der Basler Otto Staiger.

 

 

 

scherer

Hermann Scherer (1893-1927).
Der Maler, 1925. Privatsammlung.

 

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Hermann Scherer (1893-1927). Mutter, Kind säugend, 1924. Nachlass Hermann Scherer.

 

 

 

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Albert Müller (1897-1926). Interieur mit drei Frauen, 1924. Kunst Museum Winterthur.

 

 

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Paul Camenisch Zürich (1893-1970). Bocciaspieler, 1927. Bündner Kunstmuseum Chur.

 

 

 

Künstlergruppe Rot-Blau – Kirchner-Epigonen?

 

In der Silvesternacht 1924/25 gründen Scherer, Müller und Camenisch die Basler Künstlergruppe
Rot-Blau, die sich dem Expressionismus verschreibt. Kirchner fühlt sich zwar geschmeichelt, dass die jungen Künstler seinen Stil aufnehmen. Aber er reagiert gereizt, wenn Kritiker diese drei als «Kirchner-Epigonen» bezeichnen oder von einer «Kirchner-Schule» sprechen.

 

Hermann Scherer (1893-1927) stammt aus Baden-Württemberg. Die Kriegsjahre 1914-18 verbringt er in Basel und arbeitet dort beim Bildhauer Otto Roos; ab 1918 als Assistent bei >Carl Burckhardt. Bis dahin ist er eher klassisch unterwegs. Aber ab 1921 trennt er sich davon und zerstört eine Reihe seiner bisherigen Werke. Nun widmet er sich seinen Holzskulpturen – Bearbeitung von Baumstämmen in «taille directe» – und expressionistischen Bildern. Scherer stirbt 34-jährig an den Folgen einer Streptokokken-Infektion im Basler Spital.

 

Albert Müller (1897-1926) kommt in Basel zur Welt und absolviert eine Lehre als Glasmaler. Er ist mit Carl Burckhardt befreundet, dem er auch Modell steht (Bronzeplastik Der Tänzer). Besonders zu Kirchner hat er einen guten Draht. Er besucht ihn mehrmals in Davos und ist von dessen Werken so beeindruckt, dass er den Kirchner-Stil in seine eigenen Arbeiten einfliessen lässt. Er stirbt mit nur 29 Jahren an Typhus.

 

Paul Camenisch (1893-1970) stammt aus Zürich und studiert 1912 bis 1916 an der ETH Architektur. Bis 1923 ist er als Architekt tätig, auch in Danzig und Berlin. Seine Freunde Scherer und Müller sorgen dafür, dass er sich der Malerei zuwendet.

 

 

Rot-Blau-Ausstellungen

Die Gruppe organisiert drei Ausstellungen. Im Sommer 1926 findet in der Basler Kunsthalle die vom Mäzen und Konservator Wilhelm Barth (1869–1934) organisierte dritte und letzte Ausstellung statt. Nach dem Tod von Müller und Scherer gründet Paul Camenisch 1928 mit Hans Stocker und Otto Staiger, Charles Hindenlang und Max Sulzbachner ebenfalls in Basel die Künstlervereinigung Rot-Blau II.

 

 

   

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Marianne von Werefkin (1860-1938). Das Duell, 1933. Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano.

 

Marianne von Werefkin (1860-1938)

Die russische Künstlerin, die zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe

>Blauer Reiter gehört, hat einen starken Bezug zur Schweiz. Sie kommt während des Ersten Weltkrieges nach Genf und lässt sich dann in Ascona nieder, wo sie bis zu ihrem Tod 1938 lebt. Ihre Ascona-Gemälde sind emotional aufgeladen und zeigen das Leben der Tessiner Bevölkerung in übersteigerten symbolhaften Bildern in extremen Farben und dramatischer Stimmung.

 

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Alice Bailly
(1872-1938). Bretonische Landschaft, 1912. Privatsammlung.

Alice Bailly (1872-1938)

Die Genfer Küstlerin steht für die beginnende Emanzipation der Frauen in der Kunstwelt. Sie löst sich schon früh von ihrer konservativen Heimatstadt und zieht nach Paris, um sich von der dortigen Avantgarde insperieren zu lassen. Sie experimentiert mit dem >Fauvismus und dem >Kubismus und stellt regelmässig im Salon d'Automne und bei den >Indépendants aus.

 

Zurück in der Schweiz zwischen 1917 und 1923 fertigt sie neben ihren Gemälden auch Bilder in Wolltechnik, die sie selbst als «tableaux-laine» bezeichnet. An der Ausstellung ist ein solches Werk zu sehen: Printemps gris, 1917.

 

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Eduard Gubler (1891-1971).
Hl. Sebastian im Schnee mit Selbstbildnis (im Riedertal), 1917. Sammlung Werner Coninx.

 

Eduard Gubler (1891-1971)

Der Zürcher ist der älteste der drei Gubler-Brüder Eduard, Ernst (1895-1958) und Max (1898-1973). Ernst war Bildhauer und Maler; Max ist bekannt für seine Wandmalereien im Unispital Zürich und für Deckengemälde im Stadttheater Schaffhausen.

 

1905 besucht Eduard mit seinem Vater das Riedertal und verbringt danach regelmässig die Ferien in diesem abgelegenen Tal, das zu seinem bevorzugten Landschaftsmotiv wird. Dorthin platziert er seinen Heiligen Sebastian und fügt gleich auch noch sein Selbstbildnis an. Ab 1917 befasst er sich auch mit der Neuen Sachlichkeit.

 

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Gustave Buchet (1888-1963). Nu de femme, 1914. Stiftung KKG Winterthur.

Gustave Buchet (1888-1963)

Der Waadtländer besucht in Genf die Ecole des Beaux-Arts und schliesst sich 1915 einer Künstlergruppe aus der Romandie an, die sich den Namen «Le Falot» (die Laterne) gibt. Ihr Ziel ist es, ein Gegengewicht zur Dominanz des alles überragenden >Ferdinand Hodler zu bilden. Als das nicht gelingt, zieht Buchet 1916 nach Paris, wo er sich mit den neuesten Trends auseinander setzt. 1939 erhält er in Genf seine erste Einzelausstellung im Müsée Rath. Danach etabliert er sich 1941 in Lausanne, wo er den ersten Salon de Printemps gründet.

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