Kunst über Mittag
2020

 


So heisst der Kurs, der im Kunsthaus Zürich stattfindet – organisiert von der Migros Klubschule. Jeden Dienstag treffen sich Kunstfreunde über Mittag im Kunsthaus. KunstexpertInnen erläutern die Finessen einzelner Werke.

 

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Der Kurs findet zweimal jährlich statt. Im Frühjahr von März bis Juni, im Herbst von September bis Dezember. Je zwölf Wochen.

 

 

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Aufgrund der Corona-Pandemie konnte der Frühjahrskurs von März bis Juni 2020
nicht durchgeführt werden.

 

Der Start ins Jahr 2020 erfolgte deshalb erst am 22. September 2020.

 

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Glarus Copper
Galaxy, 1995.

 

 

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>Details (PDF)

20. Oktober 2020, Referent Daniel Naef

Carl Andre (1935). Glarus Copper Galaxy, 1995.

 

Der in Quincy (Massachusetts, USA) geborene Bildhauer ist ein Vertreter des Minimalismus. In dieser Kunstgattung wird immer auch der Raum mit einbezogen. Sein Werk aus Kupferblech italienischer Herkunft wurde in der Schweiz hergestellt. Wie kommt der Amerikaner auf die Schweiz? Und wieso heisst das Werk «Glarus Galaxy»? Das hängt damit zusammen, dass es erstmals in Glarus ausgestellt wurde. Viele Künstler, die solche Werke fabrizieren lassen, wählen die Schweiz, weil es hier offenbar noch die idealen Produzenten für solche Arbeiten gibt. Tüftler, die die Werke mit viel Liebe und technischem Sachverstand herstellen können. Welche Schweizer Fabrik die «Galaxy» produziert hat, ist unbekannt. Galaxy heisst es, weil es in der Form an eine Galaxie erinnert. «Unsere» Milchstrasse ist eine Galaxie, eine riesige Ansammlung von Sternensystemen und Planeten.

 

Werke wie dieses brauchen viel Raum. Je nachdem, aus welcher Distanz man es betrachtet, wechselt es seine Form und Farbe. Es sollte so platziert werden, dass man es umlaufen kann, nur so kommt die Lichtspielerei zur Geltung. Mit dem Raum kann der Künstler spielen, mit der Grösse des Objektes nicht. Diese ist durch die Form vorgegeben. Würde man sie auseinanderziehen oder enger gestalten, würde die runde Form verloren geben. Und ist der Untergrund vom Künstler vorgegeben? Darüber liegen keine Infos vor, – bei der ersten Präsentation in Glarus war es auch ein Parkettboden, wie hier im Kunsthaus Zürich. Es wären aber auch andere Unterlagen denkbar, zum Beispiel Beton.

 

Und wer kauft solche Kunstwerke? Kaum je Privatpersonen, sondern grosse Firmen wie Banken oder Versicherungen, die den notwendigen Platz zur Verfügung haben.

 

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Chaumières à Chaponval, 1890.

 

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>Details (PDF)

13. Oktober 2020, Referentin Stefanie Faccani

Vincent van Gogh (1853-1890). Strohdächer in Chaponval, 1890.

 

Die blühenden Aprikosenbäume (Eintrag 6. Okt 2020) malte er 1888 im Süden. Inzwischen ist viel passiert. Nach seiner >Selbstverletzung in Arles 1889 lässt er sich in die Nervenheilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence einweisen. Dort malt er unentwegt weiter, stets in der Angst, es könnte sein letztes Bild sein.

 

Nach seiner Entlassung aus der Klinik fährt er im Mai 1890 in den Norden, nach Auvers-sur-Oise in der Nähe von Paris. Seiner Mutter schreibt er: «Ich habe hier sogar in meinen ärgsten Krankentagen weiter gemalt, unter anderem eine Erinnerung an Brabant: Hütten mit bemoosten Dächern und Buchenhecken».

 

Sein Seelenzustand ist düster, – so malt er auch. Die bemoosten Strohdächer wirken finster, seine Lieblingsfarbe gelb wendet er nur noch spärlich an, die beiden Kinder am linken Bildrand zeigt er bedrückt. Und die von oben links schräg nach unten fallenden Konturen der Dächer passen zu seiner Lage: Alles rutscht ab, alles ist deprimierend.

 

Während er dieses Bild malt – es ist eines seiner letzten überhaupt –, kommt in Paris der Sohn seines Bruders Theo zur Welt: Vincent Willem. Für van Gogh ist das wenig Grund zur Freude, ganz im Gegenteil. Er macht sich nun Sorgen, ob es seinem Bruder gelingen wird, die gewachsene Familie durchzubringen. Und ob er von ihm weiterhin mit finanzieller Hilfe rechnen kann. Ein paar Monate später sind diese Sorgen passé: Van Gogh schiesst sich am 27. Juli 1890 in Auvers-sur-Oise eine Kugel in die Brust und stirbt zwei Tage danach >mehr

 

Der im Mai 1890 neugeborene Neffe Vincent Villem wird dereinst van Goghs Erbe antreten und 1960 zweihundert Gemälde in eine Stiftung einbringen. >mehr über Vincent Villem

 

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Abricotier en fleurs, 1888.

 

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>Details (PDF)

6. Oktober 2020, Referentin Stefanie Faccani

Vincent van Gogh (1853-1890). Blühender Aprikosenbaum, 1888.

 

In Paris war er nicht glücklich. Also reiste er in den Süden Frankreichs. >mehr. Im Februar 1888 kam van Gogh im «Licht des Südens» in Arles an. Und war von Anfang an von diesem «Farbenrausch» erfasst.

 

Sein Werk vom Frühjahr 1888 mit dem blühenden Aprikosenbaum sollte eigentlich naturalistisch sein – ist es aber nicht wirklich. Van Gogh hat ihm seinen eigenen Stil verpasst. Er übersetzt gewissermassen die natürlichen Farben in solche, wie er sie sieht.

 

Er verwendet dabei vorzugsweise Komplementärfarben und bringt diese mit schnellen, groben Strichen an (eine Form des >Divisionismus.) Aus der Nähe betrachtet sind denn auch keine einzelnen Aprikosenblüten zu erkennen – erst aus der Distanz wächst das Ganze zu einem blühenden Baum. Wie gekonnt er mit den Farben umgeht, zeigt auch die an sich gelbe Bretterwand (oder ist es ein Hag?), die bei ihm aus zahllosen Farbtönen – blau, grün, violett, gelb, rot etc – besteht.

 

Das Bild könnte auch von japanischen Holzdrucken inspiriert sein. Darauf hin deutet die Wahl des Ausschnittes: Zum Beispiel ist der einzeln stehende Baum nicht zentriert, und die hintere Baumreihe lässt erkennen, dass sie sich links wie rechts neben dem Bild fortsetzt.

 

Es ist ein relativ kleines Bild. Das hat auch damit zu tun, dass grosse Leinwände teuer waren, und der Künstler litt unter ständiger Geldnot. Er musste stets von seinem Bruder Theo finanziell unterstützt werden, weil er zu Lebzeiten kaum Bilder verkaufen konnte. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod reagierte der Kunstmarkt,– dann aber vehement. Dass seine Gemälde heute Spitzenpreise erzielen, ist auch das Verdienst seiner Schwägerin Johanna, die Gattin seines Bruders Theo. >mehr

 

>mehr über Vincent van Gogh

 

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Fischli/Weiss. Chamer Raum, 1991. Kunsthaus Zürich.

 

 

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Nichts ist echt...

 

 

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...alles aus Polyurethan.

 

 

 

 

>Details (PDF)

29. September 2020, Referentin Maya Karacsony

Peter Fischli (1952) und David Weiss (1946-2012).
Rauminstallation «Chamer Raum», 1991.

 

Der Raum im Kunsthaus Zürich ist nicht betretbar, man kann ihn nur von aussen durch eine Glasscheibe betrachten. Der erste Eindruck: Was für eine Grümpelkammer! Oder ist es eine Garage? Und was für eine Sauordnung! Wo bleibt da die Kunst?

 

Auf den zweiten Blick sieht alles anders aus. Der Aufbau des «Grümpels» ist ein organisiertes Durcheinander, und Grümpel ist es schon gar nicht. Denn jedes einzelne Teil ist ein von Hand gefertigtes Kunstwerk. Keines der Teile ist echt, weder die Pneus noch der Hammer noch der Schwamm noch die schweren Ketten. Alles Fakes! Alles aus Polyurethan gefertigt und bemalt – und für ihren eigentlichen Zweck völlig unbrauchbar. Ihre künstlichen Gegenstände und Werkzeuge seien jetzt «keine Sklaven» mehr, monieren die Künstler – weil sie zu nichts zu gebrauchen sind.

 

Fischli/Weiss verfolgen stets das Ziel, die Kunstwelt auf den Kopf zu stellen. Mit hintergründigem Humor bauen sie aus banalen Dingen des Alltags Installationen auf, in denen nichts real und alles Kunst ist.

 

Die von Marcel Duchamp erfundenen >Ready-Mades werden parodiert und ins Gegenteil verkehrt: Fischli/Weiss verwenden keine fertigen Dinge, sie bauen sie neu.

 

Das Künstlerduo arbeitete von 1979 bis 2012 zusammen (bis zum Tod von David Weiss). Ihr Tätigkeitsfeld war fast grenzenlos. Sie kneteten, schnitzten und gossen, sie fotografierten, filmten, erstellten Multimedia-Installationen und Kunstbücher. Eines ihrer bekanntesten Werke ist der Film >Der Lauf der Dinge aus dem Jahr 1987.

 

Fischli/Weiss vertraten die Schweiz an der Biennale Venedig 1995.
2003 erhielten sie den Goldenen Löwen für ihren Beitrag Questions (1981–2002). 2016 präsentierte das Guggenheim Museum ihre dritte Retrospektive unter dem Titel «How to work better».

 

Seit dem Tod von David Weiss 2012 ist Peter Fischli als Künstler solo unterwegs. Vom 12.9. bis 29.11.2020 bietet ihm das Kunsthaus Bregenz eine eigene Ausstellung. >mehr

 

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Das Skandalbild von 1893.

 

 

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Göttliche Strahlen.

 

 

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Der Pekinese.

 

 

>Details (PDF)

22. September 2020, Referentin Gabriele Lutz

Félix Vallotton (1865-1925). Le bain au soir d'été, 1892-93.

 

Das Werk ist eine Leihgabe der Gottfried Keller-Stiftung und kam 1965 ins Kunsthaus Zürich. Zum ersten Mal dem Publikum gezeigt wurde es am Salon des Indépendents Paris 1893. Und es wurde zum Skandal. Weil der Künstler badende Frauen in einer Form darstellte, die vom gängigen Ideal abwich: antinaturalistisch, in vereinfachten Formen, dazu in flächig aufgetragenen Farben. Ganz im Stil der 1889 gegründeten Künstlergruppe «Nabis» um Paul Sérusier und Pierre Bonnard.
>mehr über die Nabis
Bei den Nabis hatte Vallotton den Übernamen «Le nabis étranger» – als einziger Schweizer unter all den Franzosen.

 

Vallottons Bild zeigt keine «normale» Badeszene, sondern stellt jede der Frauen posierend dar, dazu auch noch parodierend und karikierend. Zu erkennen sind auch Einflüsse des Holzschnittes und der japanischen Malerei. Vallotton bringt auch noch eine spirituelle Ebene mit ins Spiel – durch die stilisierten goldenen Sonnenstrahlen im Stil biblischer Darstellungen aus dem Mittelalter. Die verklärt wirkende Frau auf der Treppe scheint die göttlichen Strahlen zu empfangen.

 

Das Gemälde könnte auch als Jahreszeitendarstellung (Sommer) gedeutet werden. Oder als Darstellung der verschiedenen Lebensalter. Der Künstler scheint auch Anleihen beim berühmtesten Bild von Lucas Cranach gemacht zu haben, beim >Jungbrunnen von 1546.

 

Um eine perfekte Perspektive kümmert sich Vallotton nicht gross. Die Frauen bewegen sich gewissermassen auf einer einzigen Ebene, obwohl davon mehrere vorhanden sind: Vorne das Schwimmbad, dann die Backsteinmauer, Liegefläche und Wiese. Und was hält die nackte Hauptfigur im Vordergrund in der Hand? Es ist ein Hündchen, genauer: ein Pekinese.

 

>mehr über Félix Vallotton

 

 

   
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