Jeden Dienstag treffen sich über Mittag Kunstfans im Kunsthaus Zürich – und kompetente Expertinnen und Experten erläutern die Finessen einzelner Werke.

 

 

daniel_naef

 

Der Kurs findet zweimal jährlich statt. Im Frühjahr von März bis Juni, im Herbst von September bis Dezember. Je zwölf Wochen.

 

 

 

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Hinweis

Die Reports auf dieser Seite sind keine «offiziellen Bildbesprechungen» der Referent:innen, sondern subjektive persönliche Wiedergaben des Gehörten, Gesehenen und Erlebten durch die Autor:innen von artfritz.ch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kunst über Mittag im Kunsthaus Zürich

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Besprochene Werke 2023

René Magritte (1898-1967). La Chambre d‘écoute, 1958. Kunsthaus Zürich.

 

Philippe de Champaigne (1602-1674). Das Schweisstuch der heiligen Veronika, 1654.

 

René Magritte (1898-1967). Les Grâces naturelles, 1964.

 

>Details (PDF)

5. Dezember 2023, Referent Reto Bonifazi

René Magritte (1898-1967). La Chambre d'écoute, 1958.

 

Der berühmte belgische Künstler war «nicht von Geburt an» Surrealist. Zum Start seiner Karriere beschäftigte er sich nach dem Studium an der Akademie der schönen Künste in Brüssel mit dem Impressionismus und hatte dort 1927 auch seine erste Einzelausstellung. Noch im gleichen Jahr zog er nach Paris und kam dort in Kontakt mit dem «Vordenker des Surrealismus» >André Breton. Allerdings hat Breton den Surrealismus nicht erfunden – den gab es schon viel früher. Zum Beispiel in biblischen Bildern. Wenn man das Gemälde von Philippe de Champaigne betrachtet, dann erkennt man: Das Gemälde in französischem Barock kommt sehr real und naturalistisch daher, aber eigentlich ist es total sur-real. Christus' Abdruck auf dem >Schweisstuch der hl. Veronika widerspricht allen physikalischen Gesetzen. Es ist ganz sicher kein «Abdruck», zudem erscheint das Gesicht eindeutig vor dem Tuch. Mit Realität hat das nichts zun, eher mit der Darstellung eines Wunders. Surrealismus pur.

 

Was hat sich René Magritte gedacht, als er das Gemälde mit dem Apfel
La Chambre d'écoute
(Das Zimmer des Lauschens) malte? Man hätte ihn zu Lebzeiten durchaus fragen können – aber keine Antwort bekommen. Interpretationen überliess er immer dem Publikum. Mit seinen Gemälden verfolgte er ein klares Ziel: Er wollte die Betrachter (ja, auch die Betrachterinnen) dazu bringen, alles genau zu beobachten. Nichts für selbstverständlich zu nehmen, alles zu hinterfragen.

 

Was also soll dieser Monster-Granny-Smith in diesem Raum? Ist der Raum so klein oder der Apfel so gross? Wie kam er da überhaupt rein? In einen Raum, der eigentlich für Menschen bestimmt ist. Was fühlen die Leute, wenn man ihnen den Raum wegnimmt? Ist es ein böser Traum, in dem wir uns beengt fühlen? Das Ganze ist rational nicht fassbar, also stört es uns.

 

Und was ist mit den Grâces naturelles? Zunächst erkennt man Pflanzen, die nach oben wachsen möchten, so hoch wie möglich. Bis in den Himmel. In die Freiheit, so wie dies die Vögel können. Also verwandeln sich die Pflanzen in Vögel. Aber jetzt, wo diese auch zu Pflanzen geworden sind, verlieren sie die Möglichkeit, in die Freiheit zu entfliegen. Auch hier das gleiche Muster wie beim Apfel. Man fühlt sich verunsichert, weil die Geschichte nicht rational erklärbar ist. >mehr über René Magritte

 

Katharina Fritsch (1956). Frau mit Hund, 2004. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Katharina Fritsch (1956). Ratten-könig, 1991-93.
>
Website Fritsch.

 

Katharina Fritsch (1956). The Cock, London 2013.
>
Website Fritsch.

 

 

>Details (PDF)

28. November 2023, Referentin Maya Karacsony

Katharina Fritsch (1956). Frau mit Hund, 2004.

 

Katharina Fritsch studierte ab 1977 an der Kunstakademie Düsseldorf. Dort war sie Meisterschülerin beim Bildhauer und Maler Fritz Schwegler (1935-2014). Ihre ersten plastischen Arbeiten entstanden um 1979, ihr Studium schloss sie 1984 ab. In diesem Jahr wurde sie auch international bekannt, als sie in Düsseldorf ihre erste Ausstellung hatte, und noch bekannter durch ihre monumentalen Elefanten, die sie 1987 in Krefeld zeigte. 2022 erhielt sie an der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Heute lebt und arbeitet sie in Wuppertal und in Düsseldorf.


Drei Dinge stechen bei ihren Arbeiten besonders ins Auge: Erstens sind ihre Skulpturen übergross bis monumental. Zweitens sind sie monochrom gestaltet. Dabei wählt die Künstlerin die Farbe ganz bewusst aus, sie dient ihr als Stimmungsverstärker. Drittens zeichnen sich ihre Werke durch eine sanfte Ironie aus, manchmal sind sie auch als Parodie verpackt.

 

Die pinkfarbige Frau und den kleinen Hund verlegt Katharina Fritsch in die Zeit des >Rokoko und parodiert die damalige Mode mit den ausladenden Röcken, der Wespentaille, dem breitrandigen Hut und dem modischen Accessoire-Hündchen.

 

Und warum baute sie ihre Frau aus Muscheln? Dazu gibt sie selbst keine Erklärung ab, grundsätzlich nie, wie sie sagt. Jeder Betrachter soll seine eigene Interpretation liefern. Eine nahe liegende: Rokoko heisst auf Französisch «rocaille» (=Muschel). Sie verwendet für die Frau verschiedene Muscheltypen (alle aus gegossenem Polyester). Für den mehrstufigen Rock Jakobsmuscheln, für die Arme Schneckenmuscheln und für das Gesicht eine senkrecht gestellte Kaurimuschel, die vaginale Assoziationen zulässt.

 

Ein weiterer Ideengeber zu diesem Werk könnte >Botticellis berühmtes Kunstwerk «Die Geburt der Venus» von 1482 sein – dort steigt die Venus aus einer Muschel. Eine andere Interpretationsmöglichkeit: Die Künstlerin könnte mit ihrer Rokoko-Frau auf jene Figurinen verweisen, die man als Andenken für eine Reise ans Meer in Souvenirläden findet.

 

Auch mit Tierskulpturen hat sich Fritsch einen Namen gemacht. Zum Beispiel mit der Monumentalskulptur «Rattenkönig» von 1991-93. Ein Kreis aus sechzehn riesigen Ratten, jede fast drei Meter gross, deren Schwänze in der Mitte zu einem Knoten zusammengebunden sind. Berühmt wurde auch der 2013 auf dem Trafalgar Square in London platzierte blaue Hahn, der «Cock». Dieser «Gockel» soll auf die männerdominierte Kultur hinweisen und auf die Männer, die an diesem geschichtsträchtigen Platz auf den Podesten stehen. Die Künstlerin sieht das mit Humor.

 

Natalja Gontscharowa (1881-1962). Flusslandschaft, 1909-11. Kunsthaus Zürich. Sammlung Merzbacher.

 

Titelbeschriftung.

 

Blumendetail.

 

Der Schiffer.

 

 

>Detail (PDF)

21. November 2023, Referentin Andrea Sterczer

Natalja Gontscharowa (1881-1962). Flusslandschaft, 1909-11.

 

Gontscharowa kommt 1881 als Tochter eines Architekten in Russland zur Welt und wächst im Hause ihrer Grossmutter auf. In Moskau besucht sie das Mädchengymasium und studiert dann Bildhauerei. In Moskau begegnet sie dem gleichaltrigen Maler Michail Larionow. Die beiden werden ein Liebespaar, haben aber keine Heiratspläne. Larionow rät ihr, die Bildhauerei aufzugeben und stattdessen Malerei zu studieren. Gontscharowas Palette in der Malerei ist breit gefächert. Sie reicht von Ikonenmalerei, Volkskunst und Expressionismus über den russischen Neoprimitivismus bis hin zum >Rayonismus und >Futurismus.

 

1914 ziehen Gontscharowa und Larionow als Künstlerpaar nach Paris und beschäftigen sich dort mit angewandter Kunst, indem sie Bühnenbilder und Kostüme für Theater und Ballett entwerfen.

 

Gontscharowa selbst ist auch von Kostümen und ausgefallenen Outfits begeistert und liebt es, die Gesellschaft mit extravaganten Kleidern oder halbnackt mit Body-Painting oder nur mit Blumen bekleidet zu provozieren.

1918 lassen sich Gontscharowa und Larionow definitiv in Paris nieder; 1955 heiraten sie schliesslich noch – da stehen beide im 75. Lebensjahr.

 

>mehr über Gontscharowa und Larionov

 

 

Das besprochene Bild «Flusslandschaft» ist eine Mischung aus Volkskunst, Expressionismus und Neoprimitivismus =eine Stilrichtung der russischen Avantgarde, die anfangs des 20. Jahrhundert ins Leben gerufen wurde. Diese bezieht sich auf die primitive, ursprüngliche Kunst aus Afrika, aus der Südsee, aus Ozeanien, Indonesien.

 

Blumen spielen in der Kunst von Natalja Gontscharowa eine wichtige Rolle. Auch in diesem Werk setzt sie Blumenmuster sehr farbig und plakativ ein, hier wachsen sie sogar an einem Baum. Die Farbigkeit des Gemäldes ist überwältigend. Im dunkelblauen Himmel sind rosa Wolken zu erkennen, ein Märchen-Fantasievogel fliegt davor vorbei.

 

Ziemlich aussergewöhnlich ist der Schriftzug auf dem Gemälde in der Ecke oben links. Damit kein Zweifel aufkommt, was auf diesem Werk zu sehen ist, schreibt es die Künstlerin mit grossen kyrillischen Buchstaben an: речной пейзаж. Und was heisst das? Ganz einfach – Flusslandschaft.

 

 

 

 

Verena Loewensberg
(1912-1986).
Ohne Titel, 1958. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

 

>Details (PDF)

14. November 2023, Referent Daniel Näf

Verena Loewensberg (1912-1986). Ohne Titel, 1958.


Die in Zürich geborene Verena Loewensberg besucht von 1927-1929 die Kunstgewerbeschule Basel und geht dann in eine Lehre als textile Weberin in Speicher AR. Später studiert sie an der Académie Moderne in Paris.

Etwa um 1936 entstehen ihre ersten Werke der >Konkreten Kunst. Man zählt Loewensberg zu den >Zürcher Konkreten. Verena Loewensberg formuliert keine eigene Kunsttheorie und betitelt oder beschreibt ihre Werke auch nicht. Sie sagt von sich: «Ich habe keine Theorie, ich bin darauf angewiesen, dass mir etwas einfällt».

 

In der Einleitung geht der Referent auf vier Prinzipien der grafischen Gestaltung ein. Es sind dies Gewicht(ung), Richtung, Symmetrie und Anwendung von Regeln. >Piet Mondrian, einer der Grossen der Konkreten Kunst, sah in den horizontalen Linien die Landschaft und in den vertikalen Linien Menschen. Eine horizontale Linie, die nach rechts weist, zeigt Beschleunigung an.

 

Das besprochene Ölgemälde auf Leinwand von Verena Loewensberg zeigt Farbflächen in vier Sättigungsstufen. Die Farbflächen sind in je neun Reihen horizontal und vertikal angeordnet. In der Breite sind alle Flächen gleich, in der Höhe aber unterschiedlich. An diesem Punkt kommt die künstlerische Freiheit zum Tragen. Es geht darum, durch Regelbrüche Spannung ins Werk zu bringen – das Auge der Betrachter:innen soll beschäftig werden. Loewensberg hat ihre Regelbrüche sehr subtil eingeflochten und zwar unter der Horizontallinie, wo einzelne Farbflächen nicht in jener Höhe abgebildet werden, die eigentlich der Regel entsprechen würden.

 

Das Werk enthält eine Vielzahl von Überlegungen, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. So sind zum Beispiel die Reihen oberhalb der Horizontallinie gespiegelt (aber nur als Fläche, nicht als Sättigungsgrade): Die Reihe 1 wird – auf den Kopf gestellt – in Reihe 9 wiederholt, das gleiche Muster ergibt sich mit den Reihen zwei auf acht, drei auf sieben usw. Man könnte sich mit diesem Werk stundenlang beschäftigen und würde immer wieder neue Regeln und bewusst gesetzte Regelbrüche entdecken.

 

Böcklins «Krieg»

 

Faldbakken

 

Matisse-Rücken

 

Hulda Zwingli

7. November 2023, Referentin Gabriele Lutz

Gang durch die Ausstellung «ReCollect!» im Kunsthaus Zürich.


Für die Ausstellung ReCollect! (erinnern, wieder entdecken) werden Kunstschaffende eingeladen, zu von ihnen ausgewählten Werken aus der Sammlung neue Betrachtungen und individuelle Bezüge herzustellen. Es entsteht ein Dialog auf verschiedenen Ebenen. Unter anderem auch zwischen Vergangenheit und Zukunft.

 

Ida Ekblad (1980) und Matias Faldbakken (1973) haben mehrere Werke für den Dialog ausgewählt. So zum Beispiel Gruppen von Kinderporträts aus verschiedenen Epochen. Faldbakken stellt eine Verbindung her zwischen den Kinderporträts und seinem Buch «Armes Ding», in dem er eine (seine?) schwierige Kindheit beschreibt. Die porträtierten Kinder zeigen alle einen ernsten Ausdruck, der auf schicksalshafte Erfahrungen hin deutet.

 

Zum Gemälde von Arnold Böcklin «Der Krieg» stellt Faldbakken mit seinem Werk «The War Enlarged» eine Beziehung her. Sein Kachelbild enthält einzelne Elemente aus Böcklins Gemälde, sind aber schwer zu entschlüsseln und lassen viel Raum für Interpretationen.

 

Von Henri Matisse zeigt Faldbakken die Rückseite der Gussform der Bronzeskulptur Metamorphosen, die berühmten >Nu de dos.


Im Parterre des Kunsthauses, direkt hinter dem Shop, präsentiert «ReCollect!» das anonyme Künstlerinnenkollektiv Hulda Zwingli. Dieses wurde am 14. Juni 2019, dem Frauenstreiktag, gegründet. Der Name ist eine Kombination aus dem Vornamen der Kunstsammlerin und Wirtin Hulda Zumsteg (Kronenhalle) und dem Namen des Zürcher Reformators Zwingli. Das Künstlerkollektiv dokumentiert das ungleiche Geschlechterverhältnis in der Kunstwelt. Im Besonderen hält es dem Kunsthaus Zürich den Spiegel vor. Seine verschiedenen Protestaktionen haben dazu geführt, dass bisher nicht gezeigte Werke von Künstlerinnen jetzt ausgestellt werden.

 

>mehr über die Ausstellung ReCollect!

 

(Text von Ueli Kummer, langjähriger KüM-Teilnehmer)

Sylvie Fleury (1961). First Spaceship on Venus, 2021. Kunsthaus Zürich.

 

Soft Rocket (die müde Rakete), 1999. Art Basel 2017.

 

Shoppingbags, 2014. Galerie Mehdi Chouakri, Berlin.

 

 

Video 1998: Between my legs. >YouTube

31. Oktober 2023, Referentin Maya Karacsony

Sylvie Fleury (1961). First Spaceship On Venus, Pink, 2021.


Die Künstlerin kommt 1961 in Genf zur Welt, wo sie auch heute noch lebt und arbeitet. Mit 20 macht sie in den USA eine Ausbildung zur Fotografin und arbeitet dann in Genf beim IKRK. 1990 erhält sie die Chance, in Lausanne an einer Ausstellung teilzunehmen – kurzfristig als Ersatz für eine andere Künstlerin. Sie kommt auf die Idee, das Konsumverhalten der modernen Gesellschaft anzusprechen und entwirft eine Installation aus prall gefüllten Einkaufstüten von noblen Modemarken. Damit macht sie die Shoppingwelt zur Kunstwelt (und umgekehrt). Mit ihren Shoppingbags verweist sie nicht nur auf die Kaufwut der Modebewussten, sondern macht sich auch gleich selbst in Kunstkreisen einen Namen. In der Folge beschäftigt sie sich mit Malerei, Skulptur, Konzeptkunst, Video und Performance und präsentiert ihre Kreationen u.a. an den Biennalen 1993 von Venedig und São Paulo.

 

Ihr Werk First Spaceship on Venus kommt 2001 ins Kunsthaus Zürich, extra für dieses produziert und erworben durch die Vereinigung Zürcher Kunstfreunde. Von der Künstlerin selbst stammt aber nur die Idee – eine feminine nagellack-pinkige Rakete – das Kunstwerk lässt sie in einer Werkstatt bauen. Mit Raketen beschäftigt sie sich schon länger, viele zeichnen sich durch eine Art «Feminisierung» aus. Sie lässt sie in soften Farben bemalen oder verpasst ihnen einen Pelzbezug. An der Art Basel 2017 zeigt die Künstlerin ihre «Soft Rocket» von 1999, «die müde Rakete».

 

Die meisten ihrer Kunstwerke entwirft sie mit einem humorvollen Augenzwinkern und viel Ironie. Sie schreckt auch nicht davor zurück, die Kunstwelt und Kunstwerke selbst zu veräppeln. So bespielt sie z.B. ein Gemälde von >Piet Mondrian – eines seiner typischen Werke mit streng geometischen Linien – mit farbigen Pelzen und gibt so dem Werk einen femininen Touch.

 

Ist sie eine Feministin? Ja, sagt sie von sich selbst. Aber sie ist keine Hardcore-Feministin, eher eine, die ihre Aussagen mit Humor macht.

 

Bekannt ist Fleury auch für ihre Videoproduktionen. Eines ihrer Videos heisst «Between my legs» und entsteht 1998. Es kommt ziemlich skurril daher und zeigt eine Autofahrerin (sie selbst?), die während einer 24-minütigen Fahrt ein Sandwich isst. Dieses, und eine Cola-Flasche, hält sie abwechselnd zwischen ihren Beinen fest.

 

Zitate der Künstlerin: «Ich bin eine Frau, ich lebe in meinem Jahrhundert, ich bin Feministin». «Ich betrachte meine Arbeit nicht als Aneignung. Ich sehe es eher als Individualisierung.»

 

Marianne von Werefkin (1860-1938). Liebeswirbel, 1917.

 

Eroberung.

 

Zerwürfnis.

 

Einsamkeit?

 

>Details (PDF)

24. Oktober 2023, Referentin Andrea Sterczer

Marianne von Werefkin (1860-1938). Liebeswirbel, 1917.


Die Künstlerin entstammt einer russischen Adelsfamilie – ihr Vater kommandiert um 1860 ein Regiment des Zaren und wird General in Sankt Petersburg, die Mutter gehört einer alten Kosakenfürstenfamilie an. In Moskau darf sie Malerei studieren. Mit 20 wird sie Privatschülerin des grossen russischen Malers >Ilja Repin – ein Meister des Realismus. Schon ihre ersten akademischen Gemälde sind so stark, dass man Werefkin als «russischen Rembrandt» bezeichnet. Die Werke aus jener Zeit sind allerdings verschollen. 1892 lernt sie über Ilja Repin >Alexej Jawlensky kennen, mit dem sie fast dreissig Jahre lang eine Beziehung pflegt – zu einer Heirat kommt es aber nie. Werefkin erkennt das Talent ihres Freundes und fördert ihn als Maler. Ab 1896 verzichtet sie dafür rund zehn Jahre lang sogar auf ihr eigenes Schaffen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 flüchten die beiden in die Schweiz, 1921 trennen sie sich. Werefkin lebt bis zu ihrem Tod 1938 in Ascona. 1922 ist sie Mit-Begründerin des neuen >Museo Communale Ascona

 

Das besprochene Gemälde Liebeswirbel von 1917 ist eine Mischung aus Expressionismus und russisch-naiver Volkskunst. Sein Inhalt kann als Symbolik für das persönliche Privatleben der Künstlerin verstanden werden. Das gesamte Werk strahlt eine stürmische Unruhe aus. Dramatische Wirbel verbiegen nicht nur Bäume und Umfeld, sie sind auch zu heftig für die dargestellten Menschenpaare, die dem Sturm nicht standhalten können. Abgebildet ist immer das gleiche Paar, aber in einem zeitlichen Ablauf zu verstehen.

 

Das Liebespaar links unten verkörpert den Anfang der Beziehung. Es steht auf einer Strasse, die ins Ungewisse führt. Mit den Liebenden wird die Sturm-und-Drang-Phase versinnbildlicht, das erste Feuer, die Eroberung. Die beiden kleinen Paare im Mittelteil des Bildes drücken mit ihren ruhigen Umarmungen Harmonie aus. Das Paar rechts unten schliesslich steht für die Entzweiung, das Zerwürfnis – die Frau wendet sich ab. In der Mitte klein und verloren die einsame und verzweifelte Person (ist das wirklich eine >einsame Person?). Das Zentrum malt die Künstlerin mit sämtlichen verfügbaren Farben, wild, dramatisch, in feinen Pinselstrichen. Im Hintergrund schliesslich ein dunkler, drohender Berg – die düstere Zukunft. Die Gefühlslage der Künstlerin zu jener Zeit ist unschwer zu erraten.

 

>mehr über Marianne von Werefkin

 

1945: Femme au chariot.

 

1948: Femme debout.

 

1953: Nu debout.

 

1956: Femmes de Venise.

 

>Details (PDF)

17. Oktober 2023, Referent Reto Bonifazi

Alberto Giacometti (1901-1966): Entwicklung als Künstler.


Weltberühmt wird er mit seinen schlanken, dürren Figuren, die jeder kennt und die erst ab 1946 entstehen. In den 1920er-Jahren hat er zunächst seine klassische und dann kubistische Phase. In den 1930ern bewegt er sich unter den Surrealisten, wird dann aber von diesen ausgeschlossen, weil er wieder vermehrt nach der Natur arbeitet und sich figürlich ausdrückt >mehr über Alberto Giacometti

 

Der heutige Exkurs beginnt mit einem Werk aus dem Jahr 1926. Es heisst «Löffelfrau» und stellt eine surreale, stark abstrahierte weibliche Figur mit überdimensioniertem Bauch und extrem kleinem Kopf dar. Es heisst, dass der Tod seines Vaters im Jahr 1933 Alberto Giacomettis künstlerisches Schaffen stark verändert habe. Nun beginnt er wieder nach der Natur zu arbeiten. Ein Beispiel dafür ist die «Femme au chariot» aus dem Jahr 1945. Die Figur zeigt wieder weibliche Formen.

 

1948 dann die «Femme debout», eine hoch aufragende dürre Figur, nicht mehr nach Modell gearbeitet, sondern als Vision entwickelt. Einerseits steht sie auf mächtigen Füssen und verkörpert damit eine Verankerung mit der Erde, anderseits strebt sie nach höheren Sphären und neuen Dimensionen. Der Kopf der Frau weist ägyptische Züge auf (mit Krone?). Von Giacometti weiss man, dass er eine starke Affinität zu Ägypten hatte, das seine Pharaonen meist lächelnd abbildete, währenddem die griechisch-römischen Skulpturen oft griesgrämig oder melancholisch dreinblicken. Mit der «Femme debout» wollte Giacometti keine individuelle Figur darstellen, sondern etwas Absolutes, etwas Zeitloses.

 

PS: Bei Giacomettis berühmten «dürren Figuren» werden die Frauen immer stehend dargestellt und die Männer immer schreitend.

 

Für die Figur «Nu debout», die fünf Jahre später (1953) entsteht, dient keine Vision mehr als Vorlage, sondern ein lebendiges Modell – es ist seine Gattin Annette. Die Skulptur kommt relativ naturalistisch daher, man glaubt sogar, das Gesicht Annettes zu erkennen. Zudem modelliert sie der Künstler durchaus fraulich und sinnlich – kein Vergleich mehr mit dem Werk von 1948.

 

Bei den drei Figuren «Femmes de Venise» von 1956 verschwinden dann die Individualität und die Sinnlichkeit wieder. Die Körper weisen kaum noch weibliche Formen auf, sie werden flach und breit und bekommen eine zerklüftete Oberfläche verpasst, die (möglicherweise) Bewegung andeutet.

 

Giacometti schafft jetzt keine Darstellungen mehr wie «man sie sieht», sondern wie ER sie sieht. Also keine Abbildungen mehr nach der Natur. Er sieht die Dinge offensichtlich anders – wie genau, ist für Aussenstehende nur schwer zu ergründen. Das könnte auch der Grund dafür sein, warum es so etwas wie eine «Giacometti-Schule» nicht gibt. >Giacometti-Zitate

 

Maria Lassnig (1919-2014). Geballte Gewalt, 1988.

 

Das Werk,
2 x 2 Meter gross.

 

Maria Lassnig (1919-2014). Quadratisches Körpergefühl, 1960. Maria Lassnig Stiftung.

 

Maria Lassnig, 2001. Maria Lassnig Stiftung.

 

 

>Details (PDF)

10. Oktober 2023, Referentin Gabriele Lutz

Maria Lassnig (1919-2014). Geballte Gewalt, 1988.


Die österreichische Künstlerin besucht ab 1925 in Klagenfurt (Kärnten) die Klosterschule und macht dort die Matura, später dann die Ausbildung zur Lehrerin. 1940 beginnt sie ihr Malerei-Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, 1954 hängt sie dort nochmals sechs Semester an. Ab 1961 lebt sie für sieben Jahre in Paris. Hier entstehen die ersten Werke mit ihrer besonderen Neigung: Körperbewusstsein. 1968 zieht sie nach New York und arbeitet dort in ihrem eigenen Atelier, findet aber in Amerika nicht zum Erfolg. Man empfindet ihre Werke als «strange». 1980 kehrt sie wieder nach Wien zurück. Hier kann sie an der Hochschule für angewandte Kunst eine Professur für Gestaltung antreten – da ist sie bereits 61jährig. Sie ist ein künstlerischer Spätzünder. Mit 66 bekommt sie dann in Wien endlich ihre erste Retrospektive.

 

In den 1980ern geht ihre Künstlerkarriere erst richtig los. Sie stellt auf der Documenta Kassel aus, erhält mehrere Einzelausstellungen in Düsseldorf, Nürnberg, Köln, Berlin, Luzern. Ab den 1990ern dann auch Paris, New York, München, Zürich und Rom. 2002 erhält sie in Zürich den Roswitha Haftmann-Preis, 2004 den Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt.

 

>mehr über Maria Lassnig

 

 

Lassnig sucht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Sie habe ein «quadratisches Körpergefühl», sagt sie von sich. In ihrem Bild von 1960 drückt sie das aus – mit einem roten Quadrat. Sie liebt Selfies, in denen sie sich selbst verfremdet oder in Dinge verwandelt. Sie malt mit Vorliebe auch einzelne Körperteile wie Ohren oder Augen, vor allem aber versucht sie, Körpergefühle zu malen. «Ein Körpergefühl ist optisch schwer zu definieren. Da ja schon alle sichtbaren Dinge in ihrer Erscheinung fragwürdig sind – wie ist das erst bei unsichtbaren Dingen? Ich habe es aber immer wieder getan», sagt sie.

 

Das 2 x 2 Meter grosse Werk «Geballte Gewalt» kam 2004 ins Kunsthaus Zürich. Was könnte es darstellen? Ist es ein inneres Organ, zum Beispiel eine Leber oder ein Herzkranzgefäss? Oder ist es ein Kamelkopf mit verbundenen Augen? Oder ein Boxhandschuh? In diesem könnte man immerhin den Titel unterbringen, die geballte Gewalt. Man müsste die Künstlerin fragen können – aber dafür ist es zu spät. Maria Lassnig starb am 6. Mai 2014 im Alter von 94 Jahren in Wien.

 

Jenny Holzer (1950). Selection from Truisms, 1984. Vereinigung Zürcher Kunstfreunde. Kunsthaus Zürich.

 

 

Leuchtkasten mit laufenden Schriften.

 

 

Projektion von Schriften auf Häuser in Frankfurt.

 

 

Portrait Jenny Holzer, 2006. Foto WikiCommons.
>Quelle artnet.de

3. Oktober 2023, Referentin Maya Karacsony

Jenny Holzer (1950). Selections from Truisms, 1984.


Und wo steckt nun das Kunstwerk? Es hängt an einer riesengrossen weissen Wand im zweiten Stock des Kunsthauses Zürich (Moserbau). Ein einfacher schwarzer Leuchtkasten mit laufenden Texten, wie man sie von Reklamen her kennt. Aber Holzers Texte sind keine Reklamen, sondern «Truismen». Das englische Wort truism enthält den Stamm «true» und bedeutet Binsenwahrheit, Gemeinplatz oder auch Lebenswahrheit. Der Leuchtkasten, der 1985 von der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde für das Kunsthaus Zürich erworben wurde, spuckt solche «Lebensweisheiten» zu Hunderten aus, in Dauerschleife.

 

Jenny Holzer stammt aus Ohio/USA. Dort schloss sie 1972 ihr Studium mit dem Bachelor Degree of Fine Arts ab. Dann besuchte sie die Rhode Island School of Design in New York und erhielt 1977 ihren Master Degree of Fine Arts. Ihre Kunstkarriere begann sie mit dem Malen von abstrakten Bildern, fand dann aber selbst, dass sie auf diesem Gebiet über zu wenig Talent verfügte. Also wechselte sie zu Schriften und begann, Binsenwahrheiten zu sammeln – philosophische, ironische, sarkastische.

 

Am Anfang packte sie diese auf Plakate und Poster und stellte sie öffentlich aus: in Lower Manhattan bespielte sie mit ihren Plakaten Gebäude, Mauern und Zäune. Die Aussagen auf ihren Postern verfolgten keinerlei politischen Ziele – und die darauf enthaltenen Gemeinplätze und Lebenswahrheiten durften durchaus widersprüchlicher Natur sein.

 

>Beispiele von Holzers Truismen

 

In den 1980ern begann Holzer, ihre Truismen auf LED-Screens zu präsentieren. Auf öffentlichen Anzeigetafeln in New York oder im New Yorker Guggenheim Museum, wo sie 1989 eine monumentale, 163 Meter lange Leuchtschrift-Spirale ausstellte. Auch in Europa war sie mehrfach präsent, so zum Beispiel 2009 in der Fondation Beyeler in Riehen-Basel oder 2010 in Frankfurt, wo sie ihre Binsenwahrheiten an öffentliche Gebäude projizierte.

 

Zitat der Künstlerin: «Ich möchte vieles auf einmal: Die Kunst im öffentlichen Raum lassen, für das Publikum explizit sein, ohne didaktisch zu werden, humorvoll sein und nie lügen. Ich musste etwas bieten, um mich selbst akzeptieren zu können und um zu rechtfertigen, dass ich Künstlerin werden wollte.» (Aus dem Ausstellungskatalog Fondation Beyeler, Riehen-Basel, 2009).

 

Alexandra Exter (1882-1949). Farbdynamik,
1916-18. Kunsthaus Zürich, Sammlung Merzbacher.

 

Detail.

 

Detail.

 

Kostümskizze.

 

 

>Details (PDF)

26. September 2023, Referentin Andrea Sterczer

Alexandra Exter (1882-1949). Farbdynamik, 1916-18.


Sie gehört zu einer langen Liste von russischen Künstlerinnen der Avantgarde (wie Popowa, Rosanova, Gontscharowa etc). Eigentlich heisst sie Grigorowitsch und wächst in Kiew auf. Exter heisst sie nach der Heirat mit einem deutschen Juristen, der der Kiewer Elite angehört. 1907 zieht sie nach Paris und besucht dort die Académie de la Grande >Chaumière. Inspiriert von Kasimir >Malewitsch entstehen erste Werke im Stil des >Kubofuturismus, eines typisch russischen Mixes zwischen Kubismus und Futurismus. Sie pflegt Kontakte mit Pariser Modernen wie Marc Chagall, ist mit Fernand >Léger befreundet und lernt auch den Futuristen >Marinetti kennen. Vor dem Ersten Weltkrieg pendelt sie zwischen Kiew, Paris, Moskau und Rom.

 

1914 bricht der Erste Weltkrieg aus, Exter muss nach Russland zurück und sitzt dort für zehn Jahre fest. In Kiew eröffnet sie 1917 ein Atelier und zeichnet Textilentwürfe. Ihr Atelier wird zum beliebten Treffpunkt von Künstlern, Musikern, Schriftstellern und Tänzer:innen.

 

1922 wird die Sowjetunion gegründet. Als Angehörige der Elite ist Exter von den Zuständen nach der >Revolution wenig begeistert. Zusammen mit ihrem Ehemann emigriert sie 1924 nach Frankreich und lebt fortan wieder in Paris.

 

In Paris verdient sie ihr Geld mit der Gestaltung von Kostümen für Theater, Ballet und Film. Sie ist aber in dieser Zeit auch malerisch tätig und bringt ihre künstlerischen Werke in Einzelausstellungen in Paris, Berlin und Prag an die Öffentlichkeit.

 

Das besprochene Gemälde «Farbdynamik» von 1916-18 ist in Russland entstanden – es fällt in die Zeit der russischen Revolution. Das aktuelle Thema sowohl für Gesellschaft als auch für Kunst war deshalb vorgegeben: es hiess «Der neue Mensch».

 

Alexandra Exters Kunst bildet diesen neuen Menschen allerdings nicht ab – nicht einmal abstrakt. Sie zieht geometrische Formen vor und bewegt sich mit ihrem Werk im Raum Expressionismus, Kubismus und Futurismus. Das Resultat ist ein Werk in der Nähe der >konstruktiven Kunst.

 

Das Bild enthält keinerlei Abbildungen der Welt und besteht nur aus Formen und Farben. Diese kommen sowohl in Flächen vor als auch in dreidimensional wirkenden Kugeln bzw Kugelfragmenten. Farben und Formen sind so angeordnet, dass Spannungsfelder von Rhythmus und Dynamik entstehen.

 

Edouard Vuillard (1868-1940). Le Grand Intérieur aux six personnages, 1897. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail Möbel.

 

 

Detail Papier.

 

 

Detail Teppich.

 

>Details (PDF)

19. September 2023, Referent Reto Bonifazi

Edouard Vuillard (1868-1940).
Le Grand Intérieur aux six personnages, 1897.

 

Ein eigenartiges Gemälde. Düster, die Figuren kaum erkennbar, deren Gesichter schon gar nicht. Ein Werk mit offensichtlichen «Fehlern» in der perspektivischen Verarbeitung. Das müssen auch die Zeitgenossen Vuillards so empfunden haben – das Werk fand keinen Käufer. Schliesslich schenkte es der Künstler seinem Malerkollegen >Félix Vallotton.

 

Was stellt das Bild dar? Eine Familie bei der Testaments-Eröffnung? Stellt es überhaupt etwas dar? Falsche Frage. In jener Epoche um die Jahrhundertwende ging es nicht mehr um ein bestimmtes Motiv. Es war die Zeit der «L'art pour l'art». Die Avargardisten wollten die Kunst von den herkömmlichen bürgerlich-moralischen Konventionen befreien und stattdessen Komposition erschaffen: es ging um Farbe und Form. Alles wurde der Einheit untergeordnet, die Figuren konnten darin untergehen.

 

Da spielte es auch keine Rolle, dass die Grossmutter links aussen auf einer schiefen Ebene sitzt oder dass der Teppich rechts nicht auf dem Boden liegt, sondern wie ein Podest daher kommt. Und dass die abgebildeten Personen höchstens noch Dekor sind.

 

Edouard Vuillard war Mitglied der Pariser Künstlergruppe der >Nabis.
Maurice Denis (1870-1943), auch ein Nabis, formulierte das so: «Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass ein Gemälde, bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote ist, im Wesentlichen eine flache Oberfläche ist, die mit Farben bestrichen ist, die in einer bestimmten Reihenfolge aufgetragen wurden».

 

Konkret: Die damaligen Avantgardisten nahmen diese weisse Oberfläche der Leinwand und bespielten sie mit Form und Farbe. Figuren und Mobiliar waren bloss Träger dieser Formen und Farben – der Inhalt des Bildes zweitrangig. Gefragt war vielmehr ein virtuoser Auftrag der Farbe. In den Details kommt das gut zum Ausdruck: von ganz nahe betrachtet, bestehen die einzelnen Papiere auf dem Tisch nur noch aus Farbflächen. Das gleiche gilt auch für die Musterung des Teppichs: Aus der Ferne wirkt sie scharf und detailliert, dabei besteht auch sie nur aus Klecksen. Vuillard kann man dann geniessen, wenn man sich auf die Betrachtung der Farbe einlässt.

 

>mehr über Edouard Vuillard

 

John Chamberlain (1927-2011). Knieschoner-Prüfer, 1976. Fondation Hubert Looser. Kunsthaus Zürich.

 

 

Das Knieschoner-Chromteil.

 

 

Das Prüf-Auge.

 

 

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6. Juni 2023, Referentin Andrea Sterczer

John Chamberlain (1927-2011). Knieschoner-Prüfer, 1976.

 

Der amerikanische Bildhauer und Maler hat sich als Recycling-Künstler innerhalb der Sparte Junk-Art einen klingenden Namen gemacht. Seine Kunstwerke bestehen mehrheitlich aus Auto-Abfallteilen. Im Rahmen von Kunst über Mittag haben wir bereits 2022 ein solches Werk besprochen: den >Strohmann von 1991.

 

Das heutige Werk heisst «Knee Pad Examiner», zu deutsch Knieschoner-Prüfer. Was stellt dieses Werk dar, und was in aller Welt ist ein Knieschoner-Prüfer? Die Referentin bietet folgende Erläuterung an:

 

Die aus Auto-Abfallblechen zusammengesetzte Komposition besteht aus fünf Teilen. Formal weist das Werk eine gegenäufige Kräfteteilung auf. Das verspiegelte Chromteil weist nach oben; die Blechteile dagegen nach unten. Links aussen hat der Künstler ein weisses, unbearbeitetes Originalteil verwendet, sozusagen als Basis – es ist das Kernstück der Komposition. Die weisse Farbe könnte für Spiritualität stehen.

 

Die Blechteile rechts davon sind alle bearbeitet, zum Teil gepresst, gefalzt oder geformt. Die Bemalung der beiden Mittelteile ist freundlich-verspielt in leuchtenden Rot- und Gelbtönen gehalten. Der Teil rechts aussen dagegen in den dunklen, schweren Farben Ocker, Bordeaux und Blau. Am unteren Teil dieses «Armes» befindet sich ein flachgewalztes Blechstück in kräftigem Blau, gewissermassen als Abschluss.

 

Und was hat es mit dem «Knieschoner-Prüfer» auf sich? Zuoberst befindet sich ein verchromtes Teil einer Auto-Stossstange, das die Form eines Knieschoners aufweist. Dieses verspiegelte Teilstück überblickt (oder «prüft») die weitere Umgebung, die sich je nach Blickwinkel ständig und flexibel verändert, es «sieht» also eine sich immer wieder abwechselnde Realität. Im Gegensatz dazu «prüft» das starre Auge im Mittelblech unten einen fixen Ausschnitt der Realität.

 

Auf die Frage eines Kursteilnehmers, was >John Chamberlain wohl von dieser Definition halten würde, antwortet die Referentin augenzwinkernd: «Er wäre natürlich voll damit einverstanden!» – wohl wissend, dass der Künstler seine Werke grundsätzlich nie erklärt und die Definitionen ganz bewusst den Betrachter:innen überlässt.

 

Nathalie Djurberg und Hans Berg erläutern ihre Arbeitsweise

 

>YouTube-Film

 

 

 

 

30. Mai 2023, Referentin Maja Karacsony

Nathalie Djurberg (1978) und Hans Berg, Claymation-Filme.

 

Geplant ist die Besprechung des Video-Werkes «Turn into Me», das seit 2008 im Besitz des Kunsthauses Zürich ist – heute aber leider nicht zur Verfügung steht. Die Referentin stellt die schwedische Künstlerin und ihren Lebenspartner, den Musiker Hans Berg, vor. Dieser komponiert die Musik zu Djurbergs Claymation-Filmen.

 

Was heisst Claymation? Man versteht darunter eine Animationstechnik, bei der Plastilinfiguren einzelbildweise fotografiert und nach jedem Schuss verändert werden. Zusammengefügt entsteht dann eine Animation.

 

Nathalie Djurberg machte ihren Master 2002 an der Kunstakademie Malmö. Sie arbeitet mit einer Mini-DV-Kamera. Ihre Kunstfiguren bestehen aus Plastilin oder anderen Knetmassen. Ihre meist skurrilen, manchmal auch grotesken Filme thematisieren Macht und Ohnmacht, Missbrauch und Fürsorge, generell Leben, Tod, Erotik und Gewalt.

 

Djurberg schreibt ihre Drehbücher selbst und ist gleichzeitig Regisseurin, Kamerafrau und Gestalterin der Kostüme für ihre Figuren, die sie auch selbst bemalt. Sie sagt (sinngemäss): «Eigentlich wiederspiegelt jeder meiner Filme meine eigenen Fantasien, jedes Werk wird damit zu einer Art Selbstporträt».

 

Ihre erste Ausstellung hatte Djurberg 2004 unter dem Titel «Tiger licking girls butt» in Stockholm. 2006 nahm sie an der Biennale Venedig teil, 2007 war sie auch im Kunst Museum Winterthur zu sehen. 2008 machte sie mit ihrer Ausstellung in der Fondazione Prada in Mailand auf sich aufmerksam. Weitere Auftritte hatte sie in der Fondation Beyeler in Riehen-Basel, in der Londoner Tate Modern, im MoMA New York und im Institute of Contemporary Art in Boston, USA. 2019 widmete ihr die Kunsthalle Schirn in Frankfurt eine Ausstellung unter dem Titel «Djurberg & Berg».

 

Heute lebt und arbeitet Djurberg mit ihrem Partner Hans Berg in Berlin.

 

Camille Corot (1796-1875). Les Quatre Arbres en bordure de plaine, 1869-70. Sammlung Bührle, Kunsthaus Zürich.

 

Detail 1.

 

Detail 2.

 

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23. Mai 2023, Referentin Andrea Sterczer

Camille Corot (1796-1875). Les Quatre Arbres en bordure de plaine.

 

Seine Gemälde kommen eher düster daher, mit Farben geht Corot sehr sparsam um. Ihm genügen braun, grün, grau. «Man soll möglichst wenig Farben verwenden, Farben stören nur» soll er einmal gesagt haben. Das versucht er auch seinen Schülern beizubringen (darunter >Pissarro und >Morisot), aber die halten sich nicht daran. Im besprochenen Gemälde von Corot kommt nur an einer Stellen ein bisschen Rot vor: auf der Schulter des blumenpflückenden Mädchens. Interessant ist der Aufbau in der klassischen Aufteilung 1/3 Erde und 2/3 Himmel. Der «Erdteil» besteht aus drei gekrümmten parallelen Horizontalen, die nach rechts aufsteigend sind (das könnte damit zusammenhängen, dass der Maler ein Rechtshänder ist). Das Gegenstück dazu ist die nach links oben gezogene Wolkenkette. Eine weitere Parallele besteht zwischen dem gebeugten Mädchen und den ebenso gebeugten beiden Bäumen rechts.

 

Corot gilt als «Vorreiter des Impressionismus». Auf den ersten Blick spricht wenig dafür. Er malt zwar gerne im Freien – eines der Charakteristika des Impressionismus – aber im Freien skizziert er nur, seine Werk entstehen dann im Atelier. Und eine weitere Bedingung, den schnell geführten Pinselstrich, erfüllt er scheinbar auch nicht. Oder doch?

 

Wenn man die Details im dunklen Bereich der Bäume rechts oben im Bild (siehe Detail 2) betrachtet, dann sind dort tatsächlich keine fein ausgestalteten Blätter zu erkennen, wie man sie vom Realismus her kennt, sondern nur fleckenhaft aufgetragene helle Farbpunkte, mit der der Künstler den Eindruck von Blättern erzielt. Angedeuteter Impressionismus.

 

Jean-Baptiste-Camille Corot, wie er mit ganzem Namen heisst, kommt 1796 in Paris zur Welt und wächst in wohlhabenden Verhältnissen in Rouen auf. Sein Vater ist Tuchmacher, die Mutter – eine Schweizerin – betreibt eine modische Hutmacherei. Auf Tücher und Hüte hat Camille keine Lust, er will Maler werden. Schliesslich stattet ihn der Vater mit Taschengeld aus und erlaubt ihm, seinem Traum als Künstler nachzugehen.

>mehr über Camille Corot

 

Gerard ter Borch (1617-1681). Der Besuch, 1660. Sammlung Bührle, Kunsthaus Zürich.

 

Detail Kleid.

 

Detail Hut.

 

 

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16. Mai 2023, Referentin Andrea Sterczer

Gerard ter Borch (1617-1681). Der Besuch, 1660.

 

Der holländische Maler hat eine interessante Biographie: Er stammt aus einer adligen Familie mit eigenem Wappen, die in Terborg ansässig war. Gerards Vater hiess auch Gerard und war ebenfalls Maler (Gerard ter Borch der Ältere, 1582-1662). Auch seine Schwester Gesina war Künstlerin. Gerard ter Borch d.J. erhielt seine künstlerische Ausbildung beim Vater und erwarb sich einen klingenden Namen als Genre-Maler (Abbildungen von Szenen aus dem Alltag, Menschengruppen). Er malte aber auch Porträts von vornehmen Amsterdamer Bürgern und Adligen und sogar vom spanischen König Felipe IV. Das machte ihn so bekannt, dass er 1646 zu den Friedensverhandlungen zwischen den Niederlanden und Spanien nach Münster eingeladen wurde, wo er die anwesenden Diplomaten porträtierte.

 

Das besprochene Gemälde zeigt die Meisterschaft des Künstlers vor allem in den fein ausgearbeiteten Details im noblen Kleid der Dame im Zentrum. Gerard ter Borch ist auch bekannt dafür, dass viele seiner Gemälde eine Art «Bilderrätsel» darstellen.

 

Dieses Werk ist ein gutes Beispiel dafür. Was spielt sich hier ab? Der Titel «Der Besuch» scheint auf den ersten Blick darauf hinzudeuten, dass ein hochrangiger, berühmter Gast einer Familie seinen Besuch abstattet. Doch etwas stimmt da nicht in diesem Ablauf: Die drei Personen links aussen kümmern sich überhaupt nicht um den eintretenden Gast, sie blicken in die Leere. Also kann er kaum ein wichtiger Besucher sein.

 

Was also könnte das Bild darstellen? Es gibt Hinweise darauf, dass es sich um einen Bordell-Besuch handeln könnte. Wichtigstes Indiz dafür ist der eintretende «Nobelmann» mit prominentem Hut in der Hand. Wie der Herr diesen Hut präsentiert – wie eine geöffnete Muschel – kann dieser als Symbol für eine Vagina gedeutet werden. Falls das zutrifft, würde das auch erklären, warum die sitzende Dame (Puffmutter?) sich nicht um den Gast kümmert und den Empfang der jungen Dame überlässt, einer Kurtisane oder Edel-Dirne in prächtiger Aufmachung.

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Diego, 1920. Kunsthaus Zürich.

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Nu, 1923. Kunsthaus Zürich.

 

Giovanni Giacometti (1868-1933). Die Lampe, 1912. Kunsthaus Zürich.

 

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9. Mai 2023, Referent Daniel Näf

Alberto Giacometti (1901-1966). Diego, 1920.

 

Im Zentrum der heutigen Bildbesprechung steht das Porträt von Albertos Bruder Diego (1902-1985). Es handelt sich um ein 3/4-Porträt. Bei diesen Porträts gibt es für die Künstler eine knifflige Stelle: das entfernte Auge hinter der Nase. Giacometti hat das hier gut gelöst, überhaupt ist es ein sehr gelungenes Werk.

 

In traditionellen naturalistischen Gemälden bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind in der Regel keine Pinselstriche zu erkennen. Erst mit >Paul Cézanne, dem «Vater der Moderne», wurde es Mode, mit «taches» (Flecken) zu malen, sodass der Pinselstrich erkennbar wurde. Ein gutes Beispiel für die «Taches-Malerei»: Cézannes «Montagne Sainte Victoire». Auch beim Pointillismus (>Seurat, >Signac), sind die Pinselstriche klar definiert, und zwar mit Punkten. Oder mit Strichen wie bei >Segantini.

 

In diesem um 1920 entstandenen Gemälde von Alberto Giacometti kommen verschiedene Pinselführungen zur Anwendung. Da gibt es die taches à la Cézanne – zum Beispiel in der Stirn des Porträtierten, in den Haaren, auch auf der hellen Seite der Bekleidung und im Hintergrund oben. Da gibt es aber auch Flächen im Hintergrund unten links und auf der dunklen Schulter. Da gibt es horizontale und vertikale Linien. Da gibt es dunkle Konturen, die das Gesicht umranden oder die Nase, und mit grün unterlegte Konturen am Kinn.

 

Auch im Gemälde «Nu» von 1923 arbeitet Alberto Giacometti mit «taches», sehr gut zu erkennen im Oberkörper. Auch hier sind Konturen zu sehen, vor allem an den Armen. Durch diese Konturen erscheint das Bild schärfer und besser «lesbar».

 

Im Gegensatz dazu steht das Gemälde von Giovanni Giacometti – Albertos Vater – das mit Flächen und ohne Abgrenzungen erstellt wurde und ziemlich «verschwommen» wirkt.

 

 

>Wer sind die verschiedenen Giacometti?

 

Maurice de Vlaminck (1876-1958). Lastschiff auf der Seine bei Le Pecq, 1906. Sammlung Emil Bührle, Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail roter Baum.

 

 

Detail Lastkahn.

 

 

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2. Mai 2023, Referent Reto Bonifazi

Maurice de Vlaminck (1876-1958). Lastschiff auf der Seine, 1906.

 

De Vlaminck gehört zusammen mit Henri Matisse und Alain Derain
zu den >Fauvisten. Diese drei Künstler entwickeln im Sommer 1905 im französischen Fischerdörfchen >Collioure einen eigenen Stil, der in die Kunstgeschichte eingeht, der aber nach ein paar Jahren schon wieder aufgegeben wird: den Fauvismus. Den Begriff prägt der Kunstkritiker Louis Vauxelles, als er im Pariser Salon d'Automne von 1905 eine florentinische Büste von Albert Marque und rundherum die Bilder von Matisse, Derain und de Vlaminck sieht. Woraufhin er empört ausruft: «Seht her, Donatello au milieu des fauves!».

Was unterscheidet den Fauvismus vom Impressionismus? Eigentlich wollten die Fauvisten sich von diesem komplett abheben – aber tatsächlich bestand die «Neuerung» nur darin, dass man sich von den natürlichen Farben der Landschaft verabschiedete (wie sie beim Impressionismus noch vorherrschten) und den Bildern leuchtende, kräftige und unnatürliche Farben verpasste. Im Aufbau verharrten die Gemälde aber meist in den althergebrachten Mustern mit üblicher Perspektive: Vordergrund, Mittelteil, Hintergrund. Auch das farblich spektakuläre Werk de Vlamincks zeigt letztlich eine banale Landschaft in diesem Muster.

 

Fauvistisch kommen indessen die einzelnen Bildelemente daher: Der rote Baum links hat mit der Natur nichts gemeinsam, zudem scheint er in Einzelteile aufgelöst zu sein – die Äste sind zu einfachen Strichen reduziert. Auch der Lastkahn ist aus der Nähe betrachtet «nur» eine Kompilation von Farbflächen – aus der Distanz gesehen erwacht er aber zum Leben.

 

>mehr über Maurice de Vlaminck

 

David Smith
(1906-1965). Woman Music, 1944. Fondation Hubert Looser. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Detail.

 

David Smith, Arc in Quotes, 1951. Stahl mit Kupfer.

25. April 2023, Referentin Maya Karacsony

David Smith (1906-1965). Woman Music, 1944.

 

In den USA ist der Künstler wesentlich bekannter als in Europa. Er wurde 1906 im Bundesstaat Indiana geboren, zog dann nach Ohio und besuchte dort ab 1924 die Universität in Athen. Zwischenzeitlich arbeitete er am Fliessband der Autofabrik Studebaker. Anschliessend studierte er Kunst an der George Washington University in Washington, D.C.

 

1926 zog er nach New York und richtete sich in Brooklyn eine Schmiede-Werkstatt ein, in der er aus Auto-Abfallteilen Kunst machte. 1927 heiratete er Dorothy Dehner, die sein Künstlerleben massgeblich beeinflusste: Dank ihrer Erbschaft konnte sich das Paar nördlich von New York ein Grundstück samt Haus und Werkstatt kaufen. Auf dem grossen Gelände – Bolton Landing – konnte Smith seine Skulpturen open-air in der Landschaft platzieren und ausstellen.

 

Auf einer Europareise lernte er 1935 Pablo Picasso kennen und liess sich von dessen kubistischen Ideen anstecken. Zurück in den Staaten gehörte er zu den ersten Künstlern, die geschweisste Stahlskulpturen produzierten.

 

Die surrealistische Skulptur «Woman Music» aus dem Jahr 1944 besteht aus geschweisstem, lackiertem Stahl und ist 46 cm hoch. Kubistische Einflüsse sind insofern erkennbar, als die Figur aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt ist. Diese sind in feiner Schmiedekunst in Form gebracht worden und ergeben zusammen eine leichte, luftige, fast schwebende Figur.

 

Die musizierende Frau scheint gleichzeitig mehrere Instrumente zu spielen. Was genau, darf geraten werden. Harfe? Lyra? Bass? Die «Lyra-Saiten» beim Kopf könnten indessen auch die Haartracht der Frau verkörpern.

 

In vielen seiner Werke zeigt Smith, dass er eine «Entmaterialisierung» anstrebt, heisst: Verwendung von möglichst feinem Material, um eine schwebende Leichtigkeit zu erzielen. Er hat sich denn auch einen Namen als «zeichnender Bildhauer» gemacht, weil seine Skulpturen oft so filigran daher kommen (Beispiel: «Arc in Quotes», auch in der Sammlung Hubert Looser, Kunsthaus Zürich).

 

Smith vertrat die USA 1951 auf der Kunstbiennale von São Paulo; 1954 und 1958 auf der Biennale von Venedig. 1962 fertigte er für das Festival Spoleto IT innerhalb eines Monats 27 Stahlskulpturen an. 1965 starb er bei einem Autounfall bei Bennington, Vermont, im Alter von nur 59 Jahren.

 

François Boucher (1703-1770). Deux Paysannes près d'une fontaine, 1765. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Detail.

 

Detail.

 

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18. April 2023, Referentin Andrea Sterczer

François Boucher (1703-1770).
Deux Paysannes près d'une fontaine, 1765.

 

Rokoko, die Epoche des Überschwangs, der Galanterie, des Prunks und der Liebe zur Schöpfung, zum Universum, zur Natur – und zur Verliebtheit. Sie fällt in die Zeit des französischen Königs Louis XV, deshalb nennt man sie auch Epoche Louis-Quinze. >mehr über Rokoko

 

François Boucher ist ein berühmter Repräsentant des Rokoko. Er ist «Premier Peintre du Roi» und Lieblingsmaler der Madame Pompadour – der Hauptmätresse» von König Louis XV. Sie liebt besonders Bouchers erotische Darstellungen von mythologischen Wesen wie Venus & Co und nimmt bei Boucher auch Malunterricht.

 

Boucher malt Madame Pompadour im Auftrag des Königs x-fach in prunkvollen Kleidern und royaler Umgebung im Schloss Versailles. Aus Madame Pompadour wird dann später die Marquise de Pompadour: Der König ernennt sie nicht nur zu seiner offiziellen Mätresse («maîtresse en titre»), sondern adelt die Bürgerliche sogar zur Marquise.

 

Ihrerseits ist sie als Intellektuelle auch als Beraterin des Königshofs tätig und fördert Philosophen und Schriftsteller wie Denis Diderot oder auch Künstler wie François Boucher. 

 

>mehr über François Boucher

Das besprochene Bild hat auf den ersten Blick wenig mit erotischer Kunst zu tun. Unterschwellig kommt diese aber dennoch zum Ausdruck – in pastoraler Form. Es zeigt zwei Hirtinnen am Brunnen mit ihren Schafen und Ziegen. Hirten und Hirtinnen stehen symbolisch für ein Leben in Freiheit, für Verliebtheit in die Natur. Ein Mann kommt auf dem Gemälde nicht vor – oder doch? Ganz rechts aussen ist hinter dem Gepäckwagen des Esels ein männlicher Hut zu erkennen.

 

Der Künstler bringt das «Rokoko-Gefühl» durch eine Reihe von Allegorien zum Schwingen. Das Gemälde ist aufgeladen mit Symbolen der Schöpfung: Der Brunnen als Quelle des Lebens; auf dessen Gemäuer die nackten Putten; im Hintergrund die üppige Vegetation und ein Fluss. Und die Ziege im Vordergrund scheint die Hirtin ganz verliebt anzublicken (vielleicht auch nur, weil sie gerade von ihr gefüttert wird). Insgesamt ist das Werk eine Hommage an die Schöpfung und an die Leichtigkeit des Seins.

 

Félix Vallotton (1865-1925).
La Malade, 1892. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Detail.

 

Detail.

 

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11. April 2023, Referentin Gabriele Lutz

Félix Vallotton (1865-1925). La Malade, 1892.

 

Der in Lausanne geborene Künstler musste zeitlebens unten durch. Sechs Jahre vor seinem Tod schreibt er in sein Tagebuch: «Ich fürchte, dass ich erst nach meinem Tod Anerkennung finden werde». Und so kam es auch: Heute gehört er auch international zu den berühmtesten Schweizer Malern und wird in Ausstellungen von London bis New York gezeigt.

 

Sein Gemälde «La Malade» ist ein Frühwerk. Es entsteht in einer Zeit, als bereits der Postimpressionismus blüht, aber Vallotton geht da noch seine eigenen Wege. Als Anhänger von >Albert Anker und >Charles Gleyre übernimmt er auf diesem Bild deren Naturalismus und fertigt es in ausgeprägter Detailtreue, wie das Stillleben mit den Flaschen auf dem Tisch oder das Hemd der Kranken am Nacken belegt.

 

Auffallend an diesem Gemälde ist vor allem, dass keinerlei Beziehung zwischen den beiden Personen zu bestehen scheint. Die Kammerzofe, die der Kranken einen Tee bringt, schaut ins Leere. Zudem ist sie nicht in Bewegung, sondern posiert statisch – wie ein Modell. Überhaupt scheint die Komposition aus voneinander unabhängigen Einzelbildern zu bestehen, das gilt auch für die abgebildeten Möbelstücke (Stuhl, Tisch mit den Flaschen).

 

Als Modell für die abgebildete Kranke wirkte die damalige Lebenspartnerin Vallottons, Evelyne Chatenet. 1899 heiratete er dann Gabrielle Bernheim, eine Tochter des Pariser Kunsthändlers und Inhabers der Galerie Bernheim-Jeune. Damit fand Vallotton Eingang in gutbürgerliche Kreise.

 

Vallotton war nicht nur Maler, sondern auch Kunstkritiker. Er schrieb für Lausanner Zeitungen. Schon in jungen Jahren begann er damit, seine eigenen Werke aufzulisten (1885: «Livre de Raison», Werkverzeichnis). Das besprochene Bild von 1892 ist in diesem Verzeichnis aufgeführt. Es war so etwas wie der Endpunkt der naturalistischen Phase des Künstlers. Kurz danach wandte er sich dem Modernismus zu.

 

Mit seinem Skandalgemälde «Le bain au soir d'été», das 1893 am Salon des Indépendents in Paris zum ersten Mal dem Publikum gezeigt wurde, verschaffte er sich grosse Aufmerksamkeit. Dieses Werk wurde im Rahmen von «Kunst über Mittag» am >22. Sept 2020 besprochen.

 

 

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Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Triptychon, 1918. Kunsthaus Zürich.

 

 

Wandteppich, 1925. Fondazione Marguerite Arp Locarno.

 

Perlbeutel, 1918. Kunst Museum Winterthur.

4. April 2023, Referentin Gabriele Lutz

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943). Triptychon, 1918.

 

Die Schweizer Künstlerin war auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch nicht wirklich anerkannt – heute hat sie sogar international einen klingenden Namen. Im Anschluss an eine umfassende >Retrospektive im Kunstmuseum Basel 2021 wurden ihre Werke auch in der Tate London und im MoMA New York gezeigt. Sophie Taeuber stand lange im Schatten ihres Ehemannes, >Hans Arp. Als Avantgardistin war sie in der Dada-Szene unterwegs und trat in Zürich als Ausdruckstänzerin auf; sie war aber auch Innenarchitektin und befasste sich mit angewandter Kunst. Ab 1916 war sie zwölf Jahre lang Lehrerin an der Kunstgewerbeschule Zürich. Aus dieser Zeit stammen textile Werke wie Stickereien, Wandteppiche, Kissen und Taschen. Die meisten weisen abstrakte Motive mit geometrischen Formen auf.

 

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Diese geometrisch-konstruktivistischen Formen übertrug sie dann ohne Umweg in ihre «bildende Kunst». Das vorgestellte Werk aus dem Jahr 1918 heisst mit ganzem Titel «Triptychon, Vertikal-horizontale Komposition mit gegenseitigen Dreiecken». Es ist ein Ölgemälde auf Leinwand. Damit hob sie sich von den Dada-Werken ab, die meist aus Holz, Papier und Collagen bestanden. Auch durch die Verwendung von Goldfarbe brach sie mit Dada und machte Anleihen bei Kunst aus dem Mittelalter. Das Triptychon ist ein Solitaire aus ihrem frühen Schaffen und gilt in Kunstkreisen als Meisterwerk. >mehr über konstruktive Kunst

 

Die an der Zürcher Hochschule der Künste tätige Medea Hoch fand heraus, dass dieses Triptychon ursprünglich ein Paravent war und deutlich höher als das heutige dreiteilige Gemälde. Der Hintergrund: Sophie Taeuber-Arp wollte das Werk 1939 an eine Ausstellung in Paris geben, wusste aber, dass es als Paravent wohl nicht angenommen werden würde – als verkürzte sie es und machte daraus das heutige 3-teilige Werk. Im Werkverzeichnis, das ihr Gatte Hans Arp erstellte, ist das Triptychon nicht enthalten. Vermutlich deshalb nicht, weil er den Paravent wohl als «angewandte», aber nicht als «echte» Kunst verstand. Das Triptychon ist ein Geschenk von Hans Arp an das Kunsthaus Zürich (1958).

 

Carola Giedion-Welcker, 1958. Foto Maria Netter, SIK-ISEA, Courtesy Fotostiftung Schweiz.

 

Moderne Plastik, Verlag Dr. H. Girsberger, 1937.

 

Plastik des XX. Jhts. Von Carola Giedion-Welcker, Verlag Gerd Hatje, 1955.

28. März 2023, Referentin Maya Karacsony

Carola Giedion-Welcker (1893-1979). Kunsthistorikerin.

 

Carola Giedion-Welcker war selbst keine Künstlerin, aber eine wichtige Vermittlerin für die Kunst der klassischen Moderne. Sie engagierte sich auch persönlich für moderne Künstler.

 

Carola Welcker wurde 1893 in Köln als Tochter eines Bankiers geboren. In München studierte sie Kunstgeschichte. Dort lernte sie den Schweizer Sigfried Giedion kennen; die beiden heirateten 1919.

 

1923 trafen die Giedions den ungarischen Künstler László Moholy-Nagy, der im >Bauhaus als Lehrer tätig war. Dieser machte sie mit >Hans Arp bekannt, der die Giedions 1925 in die Surrealisten-Ausstellung in Paris einführte. Durch Hans Arp lernten sie auch Piet >Mondrian und Constantin >Brancusi kennen.

 

Im Jahr 1925 zog das Ehepaar Giedion nach Zürich. Ihr Heim im so genannten «Dolderhaus» wurde mit der Zeit zu einem beliebten Treffpunkt von Künstlern der Moderne wie Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Kurt Schwitters und Max Ernst. Auch der irische Schriftsteller James Joyce zählte zu den regelmässigen Gästen der Giedions.

 

Carola Giedion-Welckers erste Publikation war die eigene Dissertation, die sie der bayerischen Rokoko-Plastik widmete. Sie schrieb insgesamt 17 Bücher zum Thema Kunst, darunter viele über die klassische Moderne. 1937 publizierte sie ihr Werk Moderne Plastik – Elemente der Wirklichkeit, Masse und Auflockerung; dann Plastik des XX. Jahrhunderts - Volumen und Raumgestaltung, 1958.

 

Sie schrieb auch Biografien über Paul Klee (1952), Hans Arp (1957), Constantin Brancusi (1958) und Alfred Jarry (1960) sowie ungezählte Essays in Tageszeitungen und Fachzeitschriften.

 

2007 widmete das Kunsthaus Zürich Carola Giedion-Welcker eine von Cathérine Hug kuratierte Ausstellung. Diese Ausstellung zeigte auf, wie die Wahlzürcherin als Kunsthistorikerin und Autorin die künstlerische Ausrichtung des Kunsthauses Zürich und dessen Ankaufpolitik mitgeprägt hat. Carola Giedion-Welcker sass auch in der Sammlungskommission des Kunsthauses und war Mitglied der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, die bei den Ankäufen neuer Werke bis heute eine bedeutende Rolle spielt.

 

Jan van Goyen (1596-1656). Flusslandschaft mit Fähre, 1625. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail.

 

 

Detail.

 

 

Detail.

 

 

 

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21. März 2023, Referentin Andrea Sterczer

Jan van Goyen (1596-1656). Flusslandschaft mit Fähre, 1625.

 

Der niederländische Künstler lebte in einer interessanten Epoche – im >Golden Age. Er kam als Sohn eines Schuhmachers zur Welt. Sein Vater wollte, dass er Glasmaler lernt. Das war aber nicht sein Ding. Nach zwei Jahren Ausbildung in verschiedenen Glasmaler-Werkstätten entschied er sich, Landschaftsmaler zu werden. Sein erster Lehrer war Willem Gerritsz; seine Ausbildung schloss er dann in Haarlem beim Landschaftsmaler Esaias van der Velde ab, der allerdings nur sechs Jahre älter war als er selbst. 1618 eröffnete van Goyen sein Atelier in Leiden. Von der Malerei konnte er aber nicht leben, sodass er nebenbei als Kunstschätzer und -Händler tätig war, dann auch als Immobilienmakler und sogar als Tulpenspekulant. Trotzdem musste er bös unten durch. 1632 zog er mit Frau und Töchtern nach Den Haag, doch auch hier hatte er keinen Erfolg und starb 1656 mit nichts als Schulden.

 

Kunsthistorisch gesehen ist van Goyen zwar ein erfolgloser Maler zu Lebzeiten, aber heute zählt er zu den eher höher eingestuften Meistern.

 

Das Bild «Flusslandschaft mit Fähre» ist seiner Fantasie entstanden. Es ist eine erfundene Landschaft, die er aufgrund von zahlreichen Zeichnungen und Skizzen komponierte. Seine Skizzen entstanden zwar «vor Ort» aufgrund effektiv vorhandener Gebäude, Mühlen und Szenerien, aber dann setzte er Einzelteile im Atelier zu einem Bild zusammen – zu einer fiktiven «Realität».

 

Das Gemälde wirkt sehr dunkel. Ob es bei seiner Entstehung auch so düster war, ist nicht klar. Die Farben könnten auch über die Jahrhunderte hinweg nachgedunkelt haben. Die Handlung im Bild: Die abgebildeten Bauern scheinen auf dem Weg zum Markt – oder zur Mühle – zu sein, denn sie sind alle schwer beladen, vielleicht mit Kornsäcken. Um zur Mühle zu kommen, müssen sie mit einem Kahn über den Fluss gelangen. Die Fähre scheint eine ziemlich robuste zu sein, trägt sie doch auch noch drei Kühe. Im Hintergrund links ist ein schlossähnliches Gebäude zu erkennen. Dieses wirkt abgehoben und isoliert von den einfachen Bauern im Vordergrund. Um die «Distanz» zu den Normalbürgern noch weiter zu betonen, malt der Künstler ein vornehm gekleidetes Paar vor dem Schloss.

 

Das Gemälde ist ein Frühwerk van Goyens. Später malte er offenere Szenerien mit niederländisch-typischen Himmel- und Wolkenansichten, die zwei Drittel des Bildes ausmachen. Er war auch ein Meister der tonalen Malerei (in braun/beige).