Kunst über Mittag
2021

 


So heisst der Kurs, der im Kunsthaus Zürich stattfindet – organisiert von der Migros Klubschule. Jeden Dienstag treffen sich Kunstfreunde über Mittag im Kunsthaus. KunstexpertInnen erläutern die Finessen einzelner Werke.

 

daniel_naef

 

Der Kurs findet zweimal jährlich statt. Im Frühjahr von März bis Juni, im Herbst von September bis Dezember. Je zwölf Wochen.

 

 

 

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Die Fotografin Marianne Müller wünscht das ausdrücklich so.

 

 

11. Mai 2021, Referentin Martina Kaufmann

Marianne Müller (1966). Boxen mit Fotografien, 1995.

 

Wir besuchen die Grafische Sammlung des Kunsthauses Zürich.

Simone Gehr, die wissenschaftliche Assistentin des Kunsthauses führt uns hinter die Kulissen der Sammlung. Diese umfasst rund 95'000 Arbeiten auf Papier, die gehegt, gepflegt, katalogisiert und wissenschaftlich erforscht werden. Auch Fotografien gehören dazu.

 

Die Fotografin Marianne Müller erzählt, wie es dazu kam, dass ihr Werk «Kartonschachtel mit zwölf Fotografien 9x13 cm» vom Kunsthaus Zürich erworben wurde.

 

1995 kam sie auf die Idee, 9 x 13 cm-Prints von Schnappschüssen
einzeln unter Glas zu legen und diese in Kartonschachteln von genau passendem Format zu verpacken. Die Boxen zeigte sie dann an einer Ausstellung. Tobia Bezzola, damals Kurator am Kunsthaus Zürich für Gegenwartskunst, Fotografie und Video, besuchte diese Ausstellung – und fand das Box-Konzept interessant. Das Kunsthaus Zürich erwarb noch im gleichen Jahr (neben weiteren vier Farb- und elf Schwarzweiss-Fotografien der Künstlerin) drei Boxen zum Preis von je 500 Franken. Die Fotos und die Schachteln wurden im Rahmen einer Ausstellung im Kunsthaus in einem Glaskasten präsentiert. Dazu die Künstlerin: «Ich war ziemlich stolz, jetzt im Kunsthaus vertreten zu sein. Aber was ich sofort feststellen musste: Nun gehörte mir das Werk nicht mehr. Das Kunsthaus als Eigentümerin hatte nun das Sagen und bestimmte, wie mein Werk ausgestellt und präsentiert werden würde.»

 

Marianne Müller besuchte von 1987 bis 1991 die Fachklasse für Fotografie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. Danach war sie als selbständige Fotografin und Künstlerin tätig – mit Ateliers in Paris und New York. Ihre Arbeiten präsentierte sie u.a. an der Biennale in Venedig, im Museum of Fine Arts in Houston, in den Museen für Gegenwartskunst von Santiago de Chile und Lyon. Sie publiziert auch Künstlerbücher und ist Dozentin für Fotografie, seit 2007 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich im Studienbereich Fotografie. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

 

napoletano

Francesco Napoletano (1460-1501). Maria col bam-bino, 1495-1500.

 

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montagna

Bartolomeo Montagna (1449-1523). Cristo portacroce, 1515.

 

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veronese

Paolo Veronese (1528-1588). San Girolamo 1580.

 

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4. Mai 2021, Referent Reto Bonifazi

Francesco Napoletano (1460-1501). Maria col bambino, 1495-1500.

 

Napoletano war ein Schüler von Leonardo da Vinci. Da Vinci repräsentiert den Malertypus des ausgeprägten Naturalismus und die lineare Malerei, die später zur Grundlage der akademischen Malerei wurde. Mit seiner berühmten «sfumato»-Technik schaffte er es, an sich naturalistischen Bildern eine poetische Note zu verleihen. Wie machte er das? Er arbeitete zwar zunächst mit harten Linien, fügte diesen dann aber nach aussen einen weichen Übergang an und liess so das Bild soft, leicht verschwommen, erscheinen. Dieses Prinzip wandte auch sein Schüler Napoletano in seinem Madonnenbild mit Kind an, die beide ganz weich erscheinen.

 

Eine ganz andere Malweise hat

 

Bartolomeo Montagna (1449-1523). Cristo portacroce, 1515.

 

angewandt. Nicht nur das Gesicht des kreuztragenden Christus erscheint scharf abgebildet, sondern auch alle Details im Gemälde wie zum Beispiel der Holzbalken oder das Hemd mit seinen Falten. Hier basiert das Gemälde auf einer Zeichnung, die dann gewissermassen «ausgemalt» wurde. Mit Schatten und Lichtern erzielte der Künstler die natürliche Wirkung und eine Dreidimensionalität – besonders gut zu erkennen an den Falten im Hemd. Betrachtet man hingegen die Hand, so wirkt diese eher flach und wie eine Babyhaut. Wieso dies? Nicht auszuschliessen ist, dass der Meister die Hand gar nicht selber gemalt hat, sondern dass diese von einem Werkstattmitarbeiter ausgeführt wurde.

 

Nochmals ganz anders malte

 

Paolo Veronese (1528-1588). Heiliger Hieronymus, 1580.

 

Seiner Maltechnik lagen keine Zeichnungen zugrunde. Er benötigte keine vorbereitenden Linien und erreichte den Bildaufbau rein malerisch. Um die Illusion einer Dreidimensionalität zu erzielen, setzte er Hell-Dunkel-Werte ein, wie zum Beispiel an der Hand des heiligen Hieronymus zu erkennen ist: Durch geschicktes Setzen von Farbflecken an den richtigen Stellen entsteht der Eindruck von Venen und Sehnen.

 

Dass dieses Spiel mit Schatten und Licht manchmal auch schief gehen kann, zeigt sich unter dem Hals des Heiligen: Hier setzte der Künstler auf eine flache Stelle des weissen Unterkleides eine Schlangenlinie, die einen Schattenwurf darstellen soll, wo es gar keinen geben darf. Auch hier steht die (reine) Vermutung im Raum, dass das nicht vom Meister stammen könnte, sondern von einem Gehilfen seiner Werkstatt.

 

Als Beispiel eines perfekten Werkes eines grossen Meisters schaut sich die Gruppe noch ein Gemälde von >El Greco (1541-1614) an: Bildnis Charles de Guise, Cardinal de Lorraine, 1572. In diesem kommt die Kunst im Umgang mit Licht besonders im Kleid des Kardinals zur Geltung.

 

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Robert Zünd (1827-1909). Schlachtkapelle von Sempach, 1866. Kunsthaus Zürich.

 

kapelle

Detail Schlachtkapelle.

 

wiese

Detail Wiese.

 

 

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Albert Anker (1831-1910).
Die Kappeler Milchsuppe, 1869. Kunsthaus Zürich.

 

 

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27. April 2021, Referent Reto Bonifazi

Robert Zünd (1827-1909). Schlachtkapelle von Sempach, 1866.

 

Auf den ersten Blick ist es ein realistisches Landschaftsbild. Ist es aber nicht, sondern «idealisierte Realität», wie es auch >Claude Lorrain (1600-1682) gemalt hätte. Lorrain war für Robert Zünd ein Vorbild, weil auch dieser die Realität idealisierte. Darum geht es in dieser Lektion: Die Darstellung von Szenen, die «real» aussehen, aber in Wahrheit gar nicht existieren.

 

Zünds Gemälde heisst «Schlachtkapelle von Sempach». Die Kapelle sieht man kaum, sie ist nur ganz klein im Hintergrund abgebildet. Es ging dem Künstler vielmehr darum, das «gesegnete Land» abzubilden, mit den «Idealen» Mutterschaft, Liebe, Arbeit. Für dieses Land kämpften die Eidgenossen gegen die Habsburger (denen das Land gehörte). Aus Sicht der Habsburger waren die Eidgenossen nur «primitive Untertanen», die Land erobern wollten, das ihnen nicht zusteht. Es kam zum Krieg.

 

In der Schlacht von Sempach am 9. Juli 1386 besiegten die Eidgenossen die Österreicher und töteten 400 Ritter, Herzog Leopold III kam in der Schlacht um. Die Eidgenossen verstanden ihren Sieg so, dass es Gott war, der ihnen dieses «gesegnete Land» zusprach.

 

Zünds Gemälde ist im Stil «Lorrain» aufgbaut. Eine mächtige dunkle Baumgruppe zwingt das Auge, das Bild von links nach rechts zu lesen, wo eine idealisierte Realität abgebildet wird, die «heile Welt im gesegneten Land»: Die Kapelle, Menschen an der Arbeit, der reitende Vater, der auf Frau und Kind zurückblickt.

 

Maltechnisch bemerkenswert ist, wie Zünd die Wiese verarbeitet. Auf den ersten Blick scheint er jeden einzelnen Grashalm abzubilden, aber tatsächlich – und erst in der Vergrösserung zu erkennen – malt er die Wiese grob und vermittelt die Illusion einer detailgenauen Abbildung, indem er geschickt Farbtupfer am richtigen Ort setzt.

 

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Albert Anker (1831-1910). Kappeler Milchsuppe, 1869.

 

Auch dieses Bild hat mit der Realität nichts zu tun – selbst wenn es die «Kappeler Milchsuppe» gegeben haben sollte. Es zeigt einen idealisierenden Moment der >Kappelerkriege, in welchem sich die beiden Feindparteien darauf besinnen, dass sie «Brüder» sind. «Sie vergessen der alten Früntschaft nit», wie es auf dem Bilderrahmen heisst. Ein Beispiel, wie realitätsfremd das Bild ist: Woher soll dieser hübsche Zuber mit der Milch kommen? Wenn schon, dann wäre es ein Kessel über dem Feuer gewesen. Dem Künstler ging es aber nicht darum, die Realität abzubilden, sondern einen symbolträchtigen Moment aufzuzeigen, der die Grundzüge der «Willensnation» Schweiz in sich trägt.

 

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Serge Brignoni
(1903-2002). Holz-Skulptur
Tête, 1933. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

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Serge Brignoni
(1903-2002). Engrenage embryonnaire, 1949. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

 

 

 

 

20. April 2021, Referentin Maya Karacsony

Serge Brignoni (1903-2002). Tête, 1933.

 

Der Künstler stammt aus dem Tessin, er kommt in Chiasso zur Welt. Die Familie zieht 1907 nach Bern. Als 16-jähriger beginnt er dort ein Studium an der Kunstgewerbeschule. Mit zwanzig gehts nach Paris an die Académie Lhote. Er kommt in Kontakt mit der Surrealistengruppe um >André Breton, lernt u.a. die Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti und Otto Charles Bänninger kennen.

 

Zu dieser Zeit ist es in Paris «Mode», afrikanische Kunst zu sammeln. Brignoni tut das auch, handelt damit und verdient sich so einen Teil seines Lebensunterhalts. Seine ersten eigenen Werke sind Holzskulpturen, die afrikanische Einflüsse aufweisen. Daneben schafft er surrealistische Gemälde. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs muss er 1940 Paris verlassen – vermutlich, weil er dort nach der Besetzung der Deutschen mit seiner «entarteten» Kunst Probleme bekäme. Er kehrt zurück in die Schweiz, nach Bern. Dort versucht er, seine surrealistischen Gemälde zu verkaufen, aber ohne Erfolg. Für einige Arbeiten findet er Abnehmer in Basel und Zürich.

 

Die besprochene Holzskulptur «Tête» von 1933 wird 1968 vom Kunsthaus Zürich erworben, Kaufpreis 1500 Franken. Was stellt sie dar? Die Meinungen sind geteilt. Einen Kopf zu erkennen, wie der Titel aussagt, ist schwierig. Ist es ein balancierender Mensch? Ein Papagei? Oder ein Phallussymbol?

 

In einer zweiten Phase schafft Brignoni auch Eisen-Plastiken, später auch Skulpturen aus Speckstein und Aluminium. Einige seiner surrealistischen Gemälde werden u.a. an der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus gezeigt >Schweizer Surrealismus, gibt es das? (1.9.18 - 2.1.2019). Serge Brignoni arbeitet zeitlebens als Surrealist.

 

1944 bietet ihm das Kunsthaus Zürich eine Einzelausstellung. 1954 bis 1956 unterrichtet er an der Kunstgewerbeschule Zürich angewandte Malerei. 1985 schenkt Brignoni seine Kunstsammlung mit Werken aus Afrika, Ozeanien, Indonesien und Indien der Stadt Lugano, die 1989 in der Villa Heleneum ein Museum für aussereuropäische Kulturen eröffnet (heute in der Villa Malpensata, Museo >Musec).

 

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