Jeden Dienstag treffen sich über Mittag Kunstfans im Kunsthaus Zürich – und kompetente Expertinnen und Experten erläutern die Finessen einzelner Werke.

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Der Kurs findet zweimal jährlich statt. Im Frühjahr von März bis Juni, im Herbst von September bis Dezember. Je zwölf Wochen.

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Hinweis

Die Reports auf dieser Seite «Kunst über Mittag» sind keine «offiziellen Bildbesprechungen» der Referent:innen, sondern subjektive persönliche Wiedergaben des Gehörten, Gesehenen und Erlebten durch die Autor:innen von artfritz.ch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kunst über Mittag 2024 im Kunsthaus Zürich

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Besprochene Werke 2024

Joachim Patinir (1475-1524) und Werkstatt. Landschaft mit dem Hl. Hieronymus, 1520. Kunsthaus Zürich, Ruzicka-Stiftung.

 

Detail Kloster.

 

 

Detail Eremit.

 

 

Detail schlafender Löwe.

 

>Details (PDF)

16. April 2024, Referent Daniel Näf

Joachim Patinir (1475-1524). Landschaft mit hl. Hieronymus, 1520.

 

Patinir ist ein flämischer Maler. Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Er kommt 1475 in Antwerpen zur Welt und wird Mitglied der dortigen Lukas-Gilde, einer Art Malerzunft. 1520 begegnet er Albrecht Dürer. Diesem leiht er Malfarben aus und erhält dafür von Dürer eine Zeichnung und Stiche.

 

Patinir ist dafür bekannt, dass er eine neue Art von Landschaftsbildern einführte. So genannte Weltlandschaften. Darunter versteht man Bilder bzw. Kompositionen von erfundenen Landschaften, Bergen, Wäldern und Städten. Diese Kompositionen malte er im Atelier. Als Vorlagen für seine «Berge» soll der Künstler Felsbrocken verwendet haben. Typisch für diese Weltlandschaften ist, dass sie einen sakralen Hintergrund haben. Reine Landschaftsbilder ohne biblischen Inhalt kamen erst rund ein Jahrhundert später auf.

 

Das besprochene Bild ist klein – es misst nur 25 x 34 cm. Kleine Bilder sind typisch für die flämische und generell «nördliche» Malerei. Sie sind deshalb so klein, weil sie von der Buchmalerei her stammen. Die kleinen Gemälde dienten oft als private Andachtsbilder.

 

Das Bild ist in mehrere Schichten unterteilt: im Vordergrund der heilige Hieronymus in seiner Klause; im Mittelteil die Berge und im Hintergrund eine Seenlandschaft. Diese ist in einem Blau-Grau-Dunst gehalten, um Raumtiefe zu erzeugen.

 

Das Gemälde enthält mehrere Geschichten parallel dargestellt. Der
>heilige Hieronymus
war ja nicht nur Eremit (hier in seiner Felsenklause dargestellt), er war auch Klostergründer (in Betlehem gründete er drei Nonnenklöster und eines für Mönche), weshalb das Gemälde auch ein Kloster enthält. Auch die berühmte «Geschichte mit dem Löwen» ist im Bild angesprochen, rechts unten. Zu erkennen ist der schlafende Löwe, der eigentlich den Esel bewachen sollte. Dieser wird dann gestohlen und die Mönche werfen dem Löwen vor, den Esel gefressen zu haben. Schliesslich wird er rehabilitiert und alles löst sich in Minne auf.

 

>mehr über Hieronymus und die Geschichte mit dem Löwen

 

Ljubow Popowa (1889-1924). Kubistische Stadtlandschaft, 1914. Sammlung Merzbacher, Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Detail.

 

Ljubow Popowa (1889-1924). Sitzender weiblicher Akt, kubistisch, 1914. Museum Ludwig, Köln.

 

 

>Detail (PDF)

9. April 2024, Referentin Andrea Sterczer

Ljubow Popowa (1889-1924). Kubistische Stadtlandschaft, 1914.

 

Popowa gehört zur Gruppe der russischen Avantgardisten, die in Paris die neuesten Entwicklungen in der Kunst studierten. Sie wird 1889 auf einem Landgut in der Nähe von Moskau geboren und gehört einer wohlhabenden Familie an. 1907/08 erhält sie ihre Ausbildung im Privatatelier von Stanislaw Schukowski und Konstantin Juon in Moskau. 1912 unternimmt sie mit Nadeschda Udalzowa eine Studienreise nach Paris. Mit Wladimir Tatlin hat sie 1913-1916 eine Ateliergemeinschaft und arbeitet auch mit den französischen Künstlern >Jean Metzinger und >Henri Le Fauconnier an der Académie la Palette am Montparnasse, wo sie sich mit Kubismus befasst. 1914 kommt sie mit dem italienischen >Futurismus in Kontakt. Im >Manifest des Futurismus von 1910 geht es um die Verherrlichung des Krieges und auch um die «Schönheit der Geschwindigkeit». Diese wird von den italienischen Avantgardisten meist in Form von rasenden Fahrzeugen dargestellt, Popowa möchte die Bewegung aber auch in Gegenständen und in abstrakten Formen darstellen.

 

1914 nimmt sie in Moskau und St. Petersburg an einer Reihe von Ausstellungen teil, die für sie den Durchbruch zur gegenstandslosen Kunst bedeuten. Kurz darauf besucht Popowa Samarkand (Usbekistan) und trifft dort auf architektonische Meisterwerke zentralasiatisch-islamischer Kultur. Dieses Erlebnis bringt sie zur architektonischen Malerei.

 

Nach der >russischen Revolution von 1917 schwächt sich ihre Begeisterung für avantgardistische Kunst stark ab. Wie viele russische Künstler – zum Beispiel auch >Kasimir Malewitsch – glaubt auch Ljubow Popowa, dass eine revolutionäre Gesellschaft eine neue künstlerische Sprache verlangt.

 

Sie stellt sich ganz in den Dienst der Revolution und entwirft in der staatlichen Textilfabrik Moskau Kostüme und Kleider für die Arbeiterklasse. Sie geht auch mit der Bourgoisie auf Distanz und setzt auf Produktions-, Propaganda- und Gebrauchskunst. Ab 1922 widmet sie sich dem Textil- und Grafikdesign und entwirft Theaterkulissen. 1924 stirbt ihr kleiner Sohn infolge einer Scharlach-Epidemie, sie selbst stirbt daran vier Tage später und wird nur 35 Jahre alt.

 

Im besprochenen Bild von 1914 «Kubistische Stadtlandschaft» fliessen Popowas Erlebnisse mit der Architektur von Samarkand ein. Obwohl das Werk im wesentlichen eher ungegenständlich ist, sind doch einzelne Elemente von Moscheen und Treppen zu erkennen.

 

Es ist ein Gemälde, in dem sich Statik und Dynamik die Waage halten. Im Zentrum dominiert ein stabiles Viereck, aber rund herum sind Muster von Bewegung zu erkennen, z.B. die Treppe in Pfeilform oder diverse schwebende Farbflächen.

 

Der im Bild erkennbare Schriftzug, auf den ersten Blick als OBI zu lesen, heisst CBb, da es sich um kyrillische Buchstaben handelt. In lateinische Buchstaben übersetzt also SWw. Was die drei Buchstaben bedeuten, war allerdings nicht herauszufinden.

 

Augusto Giacometti (1877-1947). Adam und Eva, 1907. Kunsthaus Zürich.

 

 

Evas Äpfel?

 

Goldene Ornamente
der Schlangenhaut.

 

Adam und Schlange.

 

 

>Details (PDF)

2. April 2024, Referent Reto Bonifazi

Augusto Giacometti (1877-1947). Adam und Eva, 1907.

 

Nur von wenigen Künstlern kann man sagen, dass sie Werke schufen, die «zeitlos» sind und «ewig» bleiben, mithin «grosse Kunst» – Augusto Giacometti gehört dazu.

 

Sein Gemälde «Adam und Eva» ist an den Jugendstil angelehnt. Das verschlungene Paar ist in zwei Horizontalen und einer Senkrechte dargestellt, Ausdruck des Irdischen. Dazu eine Diagonale (Adams Arme), die Bewegung andeutet. Das Bild strahlt eine zurückhaltende Erotik aus. Was hier im Vergleich zu den üblichen Adam-und-Eva-Abbildungen fehlt, ist der «verbotene Apfel». Oder doch nicht? Könnten Evas Brüste den Apfel verkörpern? (In der Bibel kommt der Apfel zwar nicht vor – hier ist nur von den «Früchten des Baumes» die Rede).

 

Welche Aussage verbirgt sich hinter dem quadratischen Format des Bildes? Das Quadrat verkörpert die vier Himmelrichtungen (=das Irdische). Dem gegenüber steht der Kreis, den der Künstler hier als Schlange darstellt. Der Kreis steht gemeinhin für die Vollkommenheit und die in sich ruhende Ewigkeit ohne Anfang und ohne Ende, mithin das Göttliche.

 

Im biblischen >Sündenfall (Genesis, 1. Buch Mose, Kapitel 3) wird die Schlange als listig und verführerisch beschrieben. Sie ist es, die mit ihrer Verführung den Menschen die Augen öffnet, damit diese zur Erkenntnis gelangen, was gut und was böse ist. In der Bibel verflucht Gott die Schlange für ihr Tun ("Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstossen aus allem Vieh und alle Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang").

 

Der Künstler Augusto Giacometti sieht die Schlange aber nicht als das Böse. Er malt sie vielmehr mit goldfarbigen Ornamenten. Schon seit dem Mittelalter steht das Gold für Himmlisches (z.B. Ikonen). Mit der Verwendung von Goldfarbe weist der Künstler der Schlange einen Anteil an der göttlichen Welt und letztlich auch an der Schöpfung zu: Weil die Schlange es ist, die aus dem Menschen – im Gegensatz zu den Tieren – ein denkendes (und damit auch schöpfendes) Wesen macht.

 

Auch Adam scheint in diesem Werk die Schlange nicht als teuflisch zu sehen – im Gegenteil: Er kommuniziert mit ihr Aug' in Auge.

 

>mehr über die Giacometti-Künstlerfamilie

 

>mehr über Augusto Giacometti

 

Pierre Bonnard (1867-1947).
Le Toit rose, 1899.
Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Pierre Bonnard (1867-1947). Soleil couchant, 1912. Kunsthaus Zürich.

 

Pierre Bonnard (1867-1947). Paysage au soleil couchant (Le Cannet), 1927. Kunsthaus Zürich.

 

 

>Details (PDF)

26. März 2024, Referentin Gabriele Lutz

Pierre Bonnard (1867-1947). Le Toit rose 1899.
Soleil couchant 1912. Paysage au soleil couchant 1927.

 

Pierre Bonnard stammt aus Fontenay-aux-Roses bei Paris. Er studiert zuerst Rechtswissenschaft an der Sorbonne, dann Kunst an der Académie Julian und an der Ecole des Beaux-Arts in Paris. Als 21-Jähriger gründet er 1888 zusammen mit den Malerkollegen Maurice Denis, Paul Sérusier und Edouard Vuillard die Künstlergruppe der >Nabis. 1911 eröffnet er sein eigenes Atelier im Pariser Künstlerhaus Les Fusains, das er bis an sein Lebensende behält, obwohl er ab 1926 in Südfrankreich – in Le Cannet an der Côte d'Azur – ein Haus besitzt, wo er sich auch während des Zweiten Weltkriegs aufhält. >mehr über Pierre Bonnard

 

Gärten sind für ihn ein wichtiges Motiv – er sieht sie als eine Art von Sehnsuchtsort für seine ganze Familie. In seinen späteren Jahren malt er dann mit Vorliebe Landschaften. Im Werk von 1899 Le Toit rose verknüpft er das familiäre «Gartenleben» mit griechischer Mytologie und lässt seine Figuren wie Faune auftreten – obwohl es seine eigenen Kinder sind. Auch seinen Hund baut er ins Gemälde ein. Die von der Künstlergruppe der Nabis praktizierte flächenbetonte (=japanische) Malweise verlässt er in diesem Werk bereits wieder – es weist durchaus Tiefe auf.

 

Im Gemälde Soleil couchant von 1912, entstanden in der Gegend von Giverny, wo Claude Monet seine Seerosen malte, bettet er seine Croquet spielenden Kinder ein. Dabei übernimmt er für die drei kleinen Figuren den Farbton des Himmels beim Sonnenuntergang und bei der unteren Figur jene des Weges. Bonnard ist kein Plein-air-Maler. Er macht bei seinen Spaziergängen Skizzen der Landschaft und fertigt dann die Gemälde im Atelier. Er ist auch dafür bekannt, dass er diese Skizzen stets mit Notizen über die Wetterlage versieht. Pierre Bonnard ist auch kein Verfechter der >Zentralperspektive. Vielmehr vertritt er den Standpunkt, dass ein Maler die Landschaft so darstellen solle, wie «sein Auge» sie sieht, heisst: Das Auge erfasst nicht die fixe Perspektive, sondern ist ständig in Bewegung.

 

Das Gemälde Paysage au soleil couchant von 1927 ist ein Spätwerk – Bonnard ist da bereits 60. Einer der beiden Figuren im Gras könnte eventuell den Künstler selbst darstellen.

 

Nach seinem Tod am 23. Januar 1947 (er starb in seiner Villa Le Bosquet in Le Cannet) fand noch im gleichen Jahr im >Musée de l'Orangerie in Paris eine Retrospektive statt. Obwohl er als Künstler grosse Anerkennung fand, gab es auch Kritiker. Einer davon war der Verleger Christian Zervos, der Bonnards Kunst heftig kritisierte. Ein anderer war Pablo Picasso, der sagte: «Bonnard ist in Wirklichkeit gar kein moderner Maler: Er unterwirft sich der Natur, er geht nicht über sie hinaus». Zu diesen Kritiken nahm Bonnard wie folgt Stellung: «Ich möchte vor jungen Malern des Jahres 2000 mit Schmetterlingsflügeln ankommen».

 

Gabriele Münter (1877-1962). Sonnenuntergang über dem Staffelsee, 1910-11. Sammlung Merzbacher, Kunsthaus Zürich.

 

Gabriele Münter (1877-1962). Sonnenuntergang über dem Staffelsee, 1910-11.

 

Detail.

 

Selbstbildnis vor der Staffelei, 1909. Princeton University
Art Museum.

 

 

>Details (PDF)

19. März 2024, Referentin Maya Karacsony

Gabriele Münter, Sonnenuntergang über dem Staffelsee, 1910-11.

 

Gabriele Münter gehört zu den bekanntesten deutschen Expressionistinnen. Sie begann ihre Karriere in einer Zeit, als die Frauen noch keinen Zugang zu Akademien hatten. Also begab sie sich in München in eine Privatschule, die von >Wassily Kandinsky im Rahmen der Künstlervereinigung «Phalanx» geleitet wurde. Zwischen Münter und Kandinsky entwickelte sich ein Liebesverhältnis. 1903 verlobten sich die beiden. Weil er noch verheiratet war, hielten sie ihre Beziehung geheim. 1908 liessen sich die beiden in Murnau bei München nieder. Die beiden waren lange verlobt, zu einer Heirat kam es aber nie.

 

>mehr über die Beziehung zwischen Münter und Kandinsky

 

 

Münter war nicht nur eine talentierte Zeichnerin und Malerin, sie war auch Fotografin und veröffentlichte Ende des 19. Jahrhunderts das Fotobuch «Die Reise nach Amerika, Photographien 1898-1900». Das Buch wurde 2006 neu aufgelegt und enthält jetzt Fotos der Künstlerin aus den Jahren 1898-1916 (Katalog Lenbachhaus, Verlag Schirmer Mosel).

 

1911 war Gabriele Münter auch Mitbegründerin der bekannten Künstlergruppe >Der Blaue Reiter, dessen führende Köpfe Wassily Kandinsky und Franz Marc waren. Die beiden «Hauptgründer» fanden es aber nicht nötig, die Künstlerin in ihrem Almanach zu erwähnen – es wurden nur Texte von Männern abgedruckt.

 

1921 erfuhr Münter vom inzwischen verheirateten Kandinsky, dass er seine in Murnau belassenen Bilder zurück haben wollte. Nach einem längeren Hickhack willigte Kandinsky ein, ihr einen Teil seiner Bilder zu überlassen.

Zu ihrem 80. Geburtstag schenkte sie 1957 der Städtischen Galerie im >Lenbachhaus München ihre eigene umfangreiche Bildersammlung sowie zahlreiche Werke von Künstler:innen des Blauen Reiters.

 

Das besprochene expressionistische Bild zeigt eine Landschaft in extrem kräftigen und flachen Farben ohne Tiefenwirkung. Es besteht aus Farbflächen und weist keine Lichter auf. Es wurde zwar plein-air gemalt, aber weicht komplett von den natürlichen Farben ab. Ganz im Sinne ihres Lehrers Wassily Kandinsky, der dafür plädierte, «die eigene innere Empfindung expressiv auszudrücken». So entstanden geheimnisvolle Farben und eine Darstellung, die bereits in Richtung Abstraktion geht. Bedenkt man das Entstehungsjahr des Werkes (1911), wirkt es wegweisend für die nachfolgende Kunst des 20. Jahrhunderts.

 

 

>Werke in der Ausstellung «Gabriele Münter» 2022 Kunstmuseum Bern