Kunst über Mittag
2022

 


So heisst der Kurs, der im Kunsthaus Zürich stattfindet – organisiert von der Migros Klubschule. Jeden Dienstag treffen sich Kunstfreunde über Mittag im Kunsthaus. KunstexpertInnen erläutern die Finessen einzelner Werke.

 

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Der Kurs findet zweimal jährlich statt. Im Frühjahr von März bis Juni, im Herbst von September bis Dezember. Je zwölf Wochen.

 

 

 

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Louise Bourgeois (1911-2010). Arched Figure, 1993. The
Israel Museum, Jerusalem.
Ausstellung 2022
«Take care: Kunst und Medizin». Kunsthaus Zürich.

 

Arched Figure, 1993. The
Israel Museum, Jerusalem.

 

 

Louise Bourgeois (1911-2010). Maman, 1999. Guggenheim-Museum, Bilbao.

 

 

 

>Details (PDF)

7. Juni 2022, Referentin Martina Kaufmann

Louise Bourgeois (1911-2010). Arched Figure, 1993.

 

Die imposante Bronzeskulptur ist in der zurzeit im Kunsthaus Zürich laufenden Ausstellung «Take care: Kunst und Medizin» zu sehen (bis 17. Juli 2022). Sie stammt von der französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois, die vornehmlich in New York lebte und arbeitete.

 

Die kopflose Figur scheint sich vor Schmerz zu krümmen, sie bildet einen «Arc de cercle», wie er vom französischen Pathologen und Neurologen Jean Martin Charcot um das Jahr 1880 beschrieben wurde: Der Körper wird dabei kreisbogenartig nach hinten überstreckt. Der Kopf liegt im Nacken und wird aufs Bett gepresst, während der Rücken durch die Überstreckung angehoben wird. Charcot sah diesen «Arc de cercle» im Zusammenhang mit einem hysterischen Anfall. Solche hysterischen Anfälle wurden damals vor allem Frauen zugeschrieben. Aber ist hier eine Frau auf dem Bett zu sehen? Alles deutet auf einen Mann hin. Und krümmt er sich wirklich vor Schmerz, oder könnte es auch Lust sein? Die Haltung der Zehen beider Füsse ist widersprüchlich – die einen scheinen grössten Schmerz auszudrücken, die anderen Ekstase und Lust.

 

Bourgeois ist bekannt für Widersprüchliches in ihren Werken. Sie mixt auch gerne Männliches mit Weiblichem und lässt das Geschlecht offen. Unter dem Titel «Arched Figure» hat sie mehrere Skulpturen geschaffen, in unterschiedlichen Ausführungen, mal hängend, mal liegend. Von der vorliegenden Version existiert auch eine kleinere Variante in Gold (2007) und eine weitere in textiler Form.

 

Louise Bourgeois wurde erst sehr spät als Künstlerin anerkannt. Sie war schon über 70, als ihr das Museum of Modern Art (MoMA) 1982 in New York eine Retrospektive widmete, die den Durchbruch bedeutete. Dann zogen auch andere US-Museen nach. In Europa dauerte es noch weitere sieben Jahre, bis ihre Werke Anklang fanden.

 

Ihr berühmtestes Werk ist die monumentale Spinne «Maman», die sie 1999 für die Londoner Modern Tate erschuf. Dieses Original war eine Stahlkonstruktion, später wurden davon acht Bronzen gegossen. Eine davon ist permanent vor dem >Guggenheim-Museum in Bilbao zu sehen.

 

 

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Cy Twombly (1928-2011). Vengeance of Achilles, 1962. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Peter Paul Rubens (1577-1640). Achilles besiegt Hektor. Boymans-van Beuningen-Museum, Rotterdam.

 

 

>Details (PDF)

31. Mai 2022, Referent Reto Bonifazi

Cy Twombly (1928-2011). Die Rache des Achilles, 1962.

 

Der in Lexington (Virginia) geborene US-Amerikaner Cy Twombly übersiedelte 1957 nach Italien. Sein besonderes Interesse galt der Kultur des Mittelmeers und der antiken Mythologie >mehr über Twombly.
Aus der griechischen Mythologie abgeleitet ist auch sein Werk «Die Rache des Achilles». Während Jahrhunderten wurde dieser heroische Kampf zwischen dem Griechen Achilles und dem Trojaner Hektor in Kunstwerken festgehalten, meistens als naturalistische Kampfszenen wie zum Beispiel im Gemälde von Rubens – haargenau Homers Text aus der «Ilias» aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. entsprechend: beide Kämpfer in voller Rüstung und mit Schild, Achilles mit der Lanze, die in Hektors Kehle eindringt – wie's im Buche steht.

 

Cy Twombly hat offenbar keine Lust mehr auf diese klassische Form der Darstellung. Er geht völlig andere Wege. Er zeigt nicht den Kampf der beiden Heroen, sondern nur die Tatwaffe des Achilles. Genauer: Dessen blutgetränkte Lanzenspitze. Twombly tut das in lockeren, schwungvollen Strichen, gezeichnet in einem Rhythmus, der einen hin- und her wogenden Kampf andeuten (könnte), die blutige Spitze der Lanze in aggressiv gesetzten kräftigen roten Strichen.

 

Wie kommt der Künstler auf diese Art der Darstellung? Sein Vorbild ist der abstrakte Expressionist >Jackson Pollock, der mit seinem «zufälligen» Drip-Painting die bisherige kopfgesteuerte Malerei auf ein neues Level hievte. Twombly knüpft hier an, ersetzt aber die Zufälligkeit des Drippens durch einen Rhythmus, den er als Maler selbst bestimmt. Und verleiht damit seinen auf den ersten Blick wie wilde Kritzeleien wirkenden Strichen Leben und Bedeutung.

 

Welche mythologische Legende steckt hinter diesem Werk? Sie stammt aus Homers berühmtem Epos «Ilias» aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. und greift eine berühmte Stelle aus dem Trojanischen Krieg auf: Der griechische Held Achilles rächt sich am trojanischen Helden Hektor für dessen Mord an Achilles' Freund Patroklos. In diesem Epos kommen allerdings nicht nur menschliche Helden vor, sondern auch die griechischen Götter greifen ins Geschehen ein, von Apoll bis Zeus...

 

>mehr über Achilles Rache an Hektor

 

Arnold Böcklin (1827-1901). Kentaur,
den Fischen zuschauend, 1878. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail. Gesicht des Kentaurs.

 

 

Detail. Fisch.

 

 

Detail. Signatur
des Künstlers.

 

 

>Details (PDF)

24. Mai 2022, Referentin Andrea Sterczer

Arnold Böcklin (1827-1901).
Kentaur, den Fischen zuschauend, 1878.

 

Kentauren werden in der Kunst meist als streit- und kampfsüchtige Wesen dargestellt. Ein berühmter «Kentaurenkampf» stammt auch von Arnold Böcklin aus dem Jahr 1873 >mehr. In dem heute besprochenen Bild zeigt der Künstler aber eine idyllische Seite eines Kentaurs: Dieser liegt verträumt am Wasser und schaut fasziniert den Fischen zu. Wie kommt es, dass der Symbolist Böcklin sich mit einem solch verträumten Thema befasst? Es könnte damit zu tun haben, dass der Künstler in der Epoche der Industrialisierung und der neu erfundenen Maschinen lebt, in der die Idylle keinen Platz mehr hat ist. Deshalb greift er nun auf die griechische Mythologie zurück, um sie wieder aufleben zu lassen. So zeigt er seinen Kentaur sanft und fern von allen Streitigkeiten und Kämpfen.

 

Was ist ein Kentaur? Ein Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Sein Hinterteil stammt vom Pferd, der Oberkörper vom Menschen. Kentauren werden meist als Wesen mit unbeherrschtem und streitsüchtigem Charakter beschrieben. Dazu zeichnen sie sich durch Lüsternheit aus und sind stets auf der Jagd nach Frauen. Und wie sind die Kentauren entstanden? Ursprung ist ein Gelage der griechischen Götter, zu dem auch der (menschliche) König der Lapithen, Ixion, eingeladen ist. Der König, sturzbetrunken, belästigt die Göttin Hera (die Gattin von Zeus). Dieser erschafft daraufhin ein Trugbild seiner Frau, ein Nephele, eine Wolke. König Ixion ist so betrunken, dass er sich mit diesem Trugbild, also mit der Wolke, paart. Aus dieser Verbindung entstehen die ersten Kentauren.

 

>mehr über Kentauren

 

 

Arnold Böcklin zählt zu den wichtigsten Vertretern des >Symbolismus. Als Sohn eines Seidenfabrikanten wächst er in Basel auf. Von 1850 bis 1857 lebt er in Rom, wo er die alten Meister und die Antike studiert. In dieser Zeit heiratet er die 17jährige Römerin Angela Pascucci. Erst 1862 erhält er seinen ersten richtigen Auftrag: «Die Jagd der Diana». Auftraggeber ist das Kunstmuseum Basel. Zehn Jahre lang – von 1874 bis 1884 – lebt und arbeitet er in Florenz. Dort entstehen Böcklins bedeutendste Werke, darunter die >Toteninsel. Böcklin erleidet 1892 einen Schlaganfall. Nun zieht er mit Ehefrau Angela und seinen Söhnen nach Florenz in sein Anwesen in Fiesole. In der Villa Bellagio verbringt er die letzten Jahre seines Lebens. Er stirbt am 16. Januar 1901.

 

>mehr über Arnold Böcklin

 

Eugène Delacroix (1798-1863). Apollon vainqueur du serpent Python, 1853. Sammlung Bührle. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail. Apollos Streitwagen mit vier Pferden.

 

 

Detail. Drache Python im Sumpf.

 

 

 

>Details (PDF)

17. Mai 2022, Referentin Andrea Sterczer

Eugène Delacroix (1798-1863). Der Triumph Apollos, 1853.

 

Im Originaltitel heisst das Gemälde «Apollon vainqueur du serpent Python» – und damit ist der Inhalt des Bildes beschrieben: Apollon (Sohn des Göttervaters Zeus und der Göttin Leto) tötet den Drachen Python, der die grosse Flut überlebt hat und jetzt im Sumpf lebt. In der griechischen Mythologie ist Apollon der Gott des Lichts, was im Gemälde gut erkennbar ist: Er ist von goldenen Strahlen umgeben und markiert das Zentrum. Das Gemälde ist sozusagen im Kreis aufgebaut, beginnend mit dem Drachen unten im Sumpf und zu «lesen» gegen den Uhrzeigersinn. Der Kampf mit dem Drachen selbst ist nicht zu sehen, vielmehr reitet Apollon mit vier sich aufbäumenden Pferden durchs Licht. Für seinen Kampf gegen Python hat er eine Menge Figuren versammelt, von Ungeheuern bis zu himmlischen Wesen.

 

Apollon ist ein ziemlich beschäftigter Gott – er ist nicht nur für das Licht und den Frühling zuständig, sondern auch für die Heilung und die sittliche Reinheit, für die Weissagung und für die >Künste. Darüber hinaus soll er für die Mässigung sorgen. Für ihn scheint das aber weniger zu gelten. Wenn es um die Jagd nach jungen Frauen und Männern geht, ist er unersättlich. Die Tochter des Flussgottes Peneios, die Nymphe >Daphne, kann ein Lied davon singen. Sie wehrt sich verzweifelt gegen Apollon, indem sie ihre liebreizende Gestalt in einen Lorbeerbaum verwandelt.

 

Python, der Drache, steckt im Sumpf und Schleim – einem Überbleibsel der grossen Flut, die Zeus auf die Erde gesandt hat, um die Menschen zu bestrafen: Es ist die Deukalionische Flut. So wie im Alten Testament der christliche Gott Noah den Auftrag erteilt, die >Arche zu bauen, so befiehlt in der griechischen Mythologie >Prometheus seinem Sohn, ein Schiff zu bauen. Als der Regen beginnt, besteigen Deukalion (daher deukalionische Flut) und seine Frau Pyrrha den Kasten. Ganz Griechenland wird überschwemmt. Nach neun Tagen und neun Nächten landet das Paar auf dem Berg Parnassos. Der «gerechte» Deukalion und seine Frau Pyrrha sind die einzigen Überlebenden (neben dem Drachen Python...).

 

>mehr über Eugène Delacroix

 

Maurice de Vlaminck (1876-1958). La Seine
au Pecq, 1905. Merzbacher-Sammlung. Kunsthaus Zürich.

 

La Seine
au Pecq, 1905.

Detail.

 

Maurice de Vlaminck (1876-1958). La Danseuse du Rat Mort, 1905-06. Merzbacher-Sammlung. Kunsthaus Zürich.

 

 

>Details (PDF)

 

10. Mai 2022, Referent Reto Bonifazi

Maurice de Vlaminck (1876-1958). La Seine au Pecq, 1905.

 

Ein «modernes Bild», keine Frage. Im Stil des >Fauvismus gemalt – in leuchtenden, flächigen, kräftigen Farben. Aber der Bildaufbau ist noch «alte Schule» und könnte aus der Renaissance stammen. Er zeigt nämlich die dafür typischen Charakteristika: Eine Landschaft mit Tiefe – Vordergrund, Mittelteil, Hintergrund – und dazu zentralperspektivisch gemalt.

 

Als der Künstler dieses Bild malte, war er fast 30 Jahre alt. Trotzdem wirkt es so, als hätte er noch in der Pubertät gestanden. Er schafft es mit der ganzen Kraft seiner Jugend – und innovativ. So malt er die Häuserreihe im Hintergrund nicht, um dort Gebäude abzubilden, sondern um dort eine Art «Träger» für eine wichtige Farbkomponente zu erschaffen: die knallige Fläche von Rot, die dem Bild Dramatik verleiht und das Auge führt.

 

Zudem versteht es der Künstler meisterhaft, mit nur wenig Pinselstrichen Wirkung zu erzielen – gut zu erkennen im Detailbild: aus nächster Nähe betrachtet, besteht der Schlepper auf der Seine bloss aus Farbklecksen, aber aus der Distanz wirkt er ganz real und lebendig.

 

Das Gemälde La Danseuse du Rat Mort stammt aus der selben Epoche (Fauvismus), weist aber kaum Tiefe auf. Der Körper der Frau verschmilzt fast mit dem Hintergrund. Der Oberkörper und der rechte Arm sind völlig flächig. Die einzig erkennbare Abhebung ist die eine nackte Brust, die andere ist nicht einmal angedeutet, sondern «versteckt» sich hinter einem pastösen (dick aufgetragenen) Pinselstrich, total verflacht. Die groben roten, gelben und schwarzen Pinselstriche auf dem weissen Hintergrund erinnern an den Malstil von Vincent van Gogh.

 

Stellt das Gemälde ein Porträt einer bestimmten Person dar? Eher nicht, vielmehr eine typisierte Abbildung einer Nachtclubtänzerin mit den klassischen Merkmalen wie modischer Hut, dick aufgetragenes Make-up, laszive Bekleidung mit dem neckisch gefallenen Träger, halterlose Strümpfe – und natürlich mit der partiellen Nacktheit.

 

Maurice de Vlaminck kommt 1876 in Paris zur Welt. Sein Berufsziel wäre eigentlich Radrennfahrer, aber eine schwere Krankheit macht diese Pläne zunichte. Schliesslich wird er Musiker und beginnt erst spät mit der Malerei, da ist er schon über 20. Zusammen mit Henri Matisse und André Derain begründet er um 1905 im südfranzösischen Fischerdörfchen Collioure den Fauvismus...

 

>mehr über Maurice de Vlaminck

 

Sonja Sekula (1918-1963). Silence, 1951. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

Detail 1.

 

 

Detail 2.

 

 

 

>Details (PDF)

 

3. Mai 2022, Referentin Maya Karacsony

Sonja Sekula (1918-1963). Silence, 1951.


Sonja Sekula ist eine in Luzern geborene Wort- und Bildkünstlerin. Sie wandert 1936 mit ihrer wohlhabenden Familie nach Amerika aus, studiert Kunst in der «Art Students League» in New York, zusammen mit (heute) berühmten Künstlern wie >Jackson Pollock und anderen Avantgardisten. Sie selbst nennt sich eine «abstrakte Naturalistin». Ihr Dilemma: Sie schreibt auch gerne (und gut) und kann sich nur schwer entscheiden, ob sie ihren Weg als Schriftstellerin oder als Malerin gehen soll. In New York kommt sie schnell in die wichtigsten Künstlerkreise – dank ihren Eltern, die sehr gute Kontakte zu Künstlergrössen des Surrealismus pflegen. Dazu zählen unter anderen >Max Ernst, >Marcel Duchamp oder >André Breton.

Sekula findet rasch Anschluss zu Künstlern und Galeristen, und 1943 gehört sie sogar zu den 31 Frauen, die von >Peggy Guggenheim in ihrer berühmten Ausstellung «31 women» in der Galerie «Art of this Century» gezeigt werden. 1946 hat Sekula ihre erste Einzelausstellung, ab 1948 stellt sie bei Betty Parsons aus, dann bei Leo Castellis legendärer «9th Street Exhibition». So vielversprechend ihr Start ist, Erfolge bleiben rar, sie kann nur wenige Werke verkaufen, wird depressiv und erleidet 1951 einen Nervenzusammenbruch. Schliesslich reist sie in die Schweiz zurück. Auch hier bleibt der Erfolg aus, man empfindet ihre Werke als «zu amerikanisch». Ihre Depression nimmt zu, sie ist am Ende ihrer Kräfte. Am 23. April 1963 erhängt sie sich in ihrem Atelier in Zürich. >mehr über Sonja Sekula

Ist das besprochene Bild Silence von 1951 ein Ausdruck ihrer depressiven Stimmung? Nein. Es vermittelt zwar auf den ersten Blick eine triste, düstere Ambiance. Aber sind da nicht einzelne Elemente von Musikzeichen wie auf einem Notenblatt erkennbar? Sekulas Werk ist eine Hommage an den amerikanischen Komponisten John Cage (1912-1992), der zu ihrem Freundeskreis zählt. Die Künstlerin spielt mit ihrem Ölgemälde auf das berühmteste Werk des Musikers an: Es heisst 4'33 und besteht aus... viereinhalb Minuten Stille – Silence. Gemäss dem Komponisten ist da aber nicht nichts, sondern es werden nur viereinhalb Minuten lang «keine hörbaren Töne, sondern Stille» erzeugt. An der Uraufführung am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York, zeigt der Pianist David Tudor die drei Sätze durch Schliessen und Öffnen des Klavierdeckels an, mehr ist da nicht zu hören.

 

>4'33 von John Cage (YouTube-Film)

 

Cy Twombly (1928-2011). Untitled (Bassano in Teverina), 1986. Kunsthaus Zürich.

 

 

Cy Twombly (1928-2011). Untitled (Bassano in Teverina), 1986. Oberes Bild.

 

 

Untitled (Bassano in Teverina), 1986. Unteres Bild.

 

 

>Details

26. April 2022, Referent Daniel Näf

Cy Twombly (1928-2011). Untitled (Bassano in Teverina), 1986.


Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die amerikanische Malerei Fahrt auf und entwickelte unabhängig von den Europäern ihre eigene Kunst. Basierend auf der Philosophie des Existentialismus über MinimalArt und PopArt hin zu abstraktem Expressionismus. Cy Twombly ging eigene Wege. Er setzte sich mit der griechisch-römischen Mythologie auseinander und verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Italien.

 

Das besprochene Werk heisst zwar «Untitled», verweist aber auf seinen Entstehungsort: Bassano in Teverina, ein kleines Dorf im Tal des Tiber, etwa 80 km nördlich von Rom gelegen. Das abstrakt-expressionistische Bild besteht aus zwei Elementen, einem grossen und einem kleinen Bild – übereinander angeordnet. Was stellen die Bilder dar? Weil der Künstler seinem Werk keinen Titel gibt, darf gemutmasst werden. Soll es von oben nach unten «gelesen» werden? Dafür spricht die nach unten fliessende Farbe. Anderseits könnte das untere, kleinere Bild auch die Basis bilden. Eine Wurzel, die nach dem Leerraum in eine Blume übergeht? Oder ist es eine Explosion? Oder ist es die Farbenpalette des Künstlers? Oder stellt (das Hauptbild) einfach ein Lebensgefühl dar? Eine Hommage an das lichtdurchflutete Italien? Jede(r) darf darin sehen, was er mag. Die pastosen (zähflüssigen) Farben sind mit Borstenpinsel (vielleicht auch von Hand) aufgetragen und mit dem Spachtel verarbeitet. An einigen Stellen muss die Farbe auch verdünnt worden sein, damit sie nach unten fliesst.

 

Cy Twombly kommt 1928 in Virginia USA zur Welt. Sein Vater ist ein professioneller Baseballspieler und nennt sich «Cy» (abgeleitet von Cyclone, Zyklon). Den Vornamen gibt er an seinen Sohn weiter. Dieser beginnt 1947 ein Studium an der Boston Museum School. Früh zeigt er Interesse an den deutschen Expressionisten. Am Black Mountain College in North Carolina lernt er Robert Rauschenberg (1925-2008) kennen und belegt einen Malkurs bei Robert Motherwell (1915-1991). Mit Rauschenberg reist er dann in den USA, nach Kuba, in Marokko, Algerien und Italien.

 

1959 heiratet er in New York die Italienerin Tatiana Franchetti, mit der er 1960 nach Rom zieht, wo er sein Atelier einrichtet. Er arbeitet aber nicht nur hier, sondern reist weiterhin intensiv. Nach Griechenland, Ägypten, aber auch immer wieder in die USA. 1987 wird er in die American Academy of Arts and Letters und 1998 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Zuletzt lebt und arbeitet er in Gaeta südlich von Rom. Er stirbt im Alter von 83 Jahren in Rom. >weitere Werke von Cy Twombly

 

Wilfrid Moser (1914-1997). Paris, 1945. Kunsthaus Zürich.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Coin de rue. Litho aus «Paris sans fin», 1958-1965. Kunsthaus Zürich.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Vue du boulevard Saint Michel. Litho aus «Paris sans fin», 1958-1965. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

>mehr

 

 

19. April 2022, Referentin Gabriele Lutz

Wilfrid Moser (1914-1997). Paris, 1945.

Alberto Giacometti (1901-1966). Lithografien «Paris sans fin»

 

Was haben diese beiden Künstler gemein? Beides sind Schweizer, beide haben sie Paris zu ihrer Wahlheimat gemacht. Allerdings nicht gleichzeitig: Giacometti zog es schon 1922 in die Seine-Stadt und ab 1926 hatte er dort sein kleines Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron 46, das er bis zu seinem Tod 1966 behielt. Moser dagegen kam erst 1939 nach Paris und arbeitete in verschiedenen Ateliers. Gemeinsam ist den beiden auch, dass sie in Paris von der selben berühmten Galerie vertreten wurden: Jeanne Bucher. Die Galerie gibt es heute noch.

 

Wilfrid Moser ist 1914 in Zürich geboren. Sein erster Paris-Aufenthalt dauert nur kurz. Ein Jahr nach seiner Ankunft 1939 muss er bei Kriegsbeginn zurück in die Schweiz und hier ins Militär. Nach Kriegsende zieht er 1945 wieder nach Paris, zuerst in ein ärmliches Hotel-Dachatelier. Dort entsteht auch das besprochene Bild «Paris 1945». Es zeigt den Blick aus seinem Atelier über die Dächer der Stadt. Die dunkle, triste Farbgebung passt zur Stimmung, die direkt nach dem Krieg in Paris herrschte. Mosers Lieblingsmotive in Paris sind aber andere: Ihm haben es besonders die Metrostationen angetan, die er x-fach malt. Sein Bild «Paris 1945» ist eine Art Vorläufer auf seine künftigen Werke: Es weist bereits einige abstrakte Züge auf. Später wird sich Moser ganz der Abstraktion zuwenden, bevor er in den 1960er-Jahren zum Figurativen zurück kehrt.

 

>Alberto Giacometti stammt aus dem Bergell und kommt 1901 in Stampa zur Welt. Er ist der Berühmteste aus der >Künstlerfamilie_Giacometti und vor allem weltbekannt für sein Spätwerk: seine filigranen Skulpturen wie z.B. «L'homme qui marche». Die heute besprochenen Werke sind ebenfalls ein Spätwerk des Künstlers: «Paris sans fin». Es sind Lithographien aus einem Mappenwerk, das aus 150 Elementen besteht. Im Kunsthaus Zürich sind zur Zeit 15 davon ausgestellt. Die Zeichnungen entstanden in den Jahren 1958 bis 1965; die Veröffentlichung erfolgte erst drei Jahre nach seinem Tod durch seinen Verleger-Freund Tériade im Jahr 1969.

 

Diese Lithoreihe ist eine Hommage an die Stadt Paris. Giacometti erkundete jahrelang seine nähere und weitere Umgebung – manchmal auch im Auto – und skizzierte dabei Menschen, Plätze, Cafés und Gebäude. Es heisst, der Künstler habe diese Arbeit als willkommene Abwechslung zu seiner stressigen Beschäftigung mit Porträts im Atelier verstanden. Normalerweise werden Lithographien direkt in den Stein «gezeichnet». Giacometti skizzierte dagegen diese Serie mit einem Lithostift auf beschichtetem Papier, von dort wurden die Skizzen auf den Stein übertragen.

 

Haben sich Giacometti und Moser je getroffen? Eine Aussage Mosers gegenüber seiner Frau spricht eher dagegen: «Im Schatten eines grossen Baumes kann man nicht wachsen», soll er gesagt haben.

 

Danh Vo (1975). «We the people», 2011-16. Kunsthaus Zürich.

 

 

Ein Stück des
Rockes der Liberty.

 

 

Als Ausstellungs-Fragment geplant und ausgeführt (Rückseite).

 

 

 

>Details PDF

 

12. April 2022, Referentin Gabriele Lutz

Danh Vo (1975). Kupferskulptur «We the people», 2011-16.

 

In einem gewaltigen Raum im Chipperfieldhaus liegen ein paar kupfern glänzende Bruchstücke rum. Was steckt dahinter? Es sind vier von über dreihundert Teilen eines veritablen Monumentalwerkes: Fragmente einer Kopie der berühmten Freiheitsstatue im Hafen von New York. Die 300 Teile sind als Kunstobjekte auf der halben Welt verstreut, das Kunsthaus Zürich zeigt vier davon. Der Künstler hat die Statue originalgetreu im Massstab 1:1 nachbauen lassen – in Schanghai. Aber nicht als komplettes Werk, sondern von Anfang ganz bewusst in viele Fragmente zerlegt.

 

Was will der in Vietnam geborene Danh Vo damit aussagen? Der Künstler kann in dieser Statue kein Freiheitssymbol erkennen. Schon gar nicht den «American Dream», vielmehr sieht er in ihr eine «vergewaltigte und verschandelte Ikone». Deshalb wolle er sie in kollabiertem Zustand zeigen. Damit spielt der Künstler auf die Schrecken der Kolonialiserung und der damit verbundenen Unterdrückung des vietnamesischen Volkes durch die Franzosen und auf die Kriegsgräuel der Amerikaner an.

 

Der Titel des Werkes ist ironisch gemeint: «We the people...». Das sind die ersten Worte der amerikanischen Verfassung. Danh Vo stört sich aber auch an den nachfolgenden Versprechen auf Gerechtigkeit, auf das Volkswohl und auf das Glück der Freiheit.

 

Vom Vietnamkrieg ist die Familie Vo selbst betroffen. 1979 flüchtet sie in einem selbstgebauten, seeuntauglichen Boot aus Südvietnam (Boat People). Endziel wären eigentlich die USA, die Familie wird aber von einem dänischen Frachter gerettet und wandert deshalb nach Dänemark aus. Dort wächst Danh Vo auf. Er besucht die Königliche Dänische Kunstakademie in Kopenhagen und studiert auch im Städel in Frankfurt; 2006 zieht er nach Berlin, heute lebt er in Mexico-City und in Berlin.

 

Seine Kunst dreht sich um Identität, Kolonialismus und Migration. Ein weiteres Werk des Künstlers ist ein Kronleuchter aus dem 19. Jahrhundert mit dem Titel «08:03:51, 28. Mai 2009», der im Hotel Majestic in Paris in jenem Raum hing, in dem 1973 das Pariser Waffenstillstandsabkommen zur Beendigung des Vietnam-Kriegs unterschrieben wurde – zu sehen in der National Gallery of Denmark >mehr

 

Im Kunsthaus Zürich ist auch seine Blumen-Tapete aus dem Jahr 2009 zu sehen, die den Raum mit den Fragmenten der Freiheitsstatue schmückt.

 

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Albert Welti
(1862-1912).
Die Eltern des Künstlers, 1899. Schweizerische Eidgenossen-
schaft. Kunsthaus Zürich.

 

 

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Rahmen-Detail.

 

 

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Mittelsäule-Detail. Vater und Mutter tragen die ganze Familie.

 

 

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Detail Säulenfuss.

 

 

 

>Details (PDF)

5. April 2022, Referentin Andrea Sterczer

Albert Welti (1862-1912). Die Eltern des Künstlers, 1899.

 

Der vorwiegend als Symbolist bekannte Zürcher Maler ist der älteste Sohn von Jakob A. Welti – Begründer des heute noch bestehenden und berühmten Transportgeschäftes Welti-Furrer. Der junge Albert hatte allerdings wenig Lust, das Geschäft des Vaters weiter zu führen und überliess das einem seiner Brüder. Mit 20 erhielt er die Erlaubnis, in Müchen an der Akademie der Bildenen Künste zu studieren. Entscheidend für den Einstieg als Maler war >Arnold Böcklin, der Weltis Vater in einem Gutachten bescheinigte, dass Albert «künstlerisch begabt» sei.

 

>mehr über Albert Welti

 

Das besprochene Gemälde ist eine Hommage an die Eltern des Künstlers. Welti baut das Doppelporträt fast im Stil eines Altarbildes auf. Die Mutter in ihrem protestantisch-schmucklosen Kleid ruht in sich selbst und blickt den Betrachter an; des Vaters Blick ist ernst in die Ferne (die Zukunft?) gerichtet, in seiner rechten Hand eine herrenmässige Zigarre. Im Hintergrund ist Zürich und der Zürichsee zu erkennen – die heutige «Goldküste» noch völlig unverbaut.

 

Der opulent verzierte Holzrahmen ist ein elementarer Bestandteil des Werkes und äusserst detailliert ausgearbeitet. Das Gemälde selbst wird noch von einem weiteren, inneren Rahmen mit Arkaden umfasst, in dem Szenen aus dem Kinderleben der Weltis dargestellt sind. Auf der Mittelsäule bildet der Künstler Vater und Mutter ab, die symbolisch die ganze Familie tragen – insgesamt sieben Kinder.

 

In weiteren Details am linken und rechten Bildrand vermittelt der Künstler einen Einblick in die Erziehungsmethoden, die um 1899 noch herrschten: Links aussen der gestrenge Vater, der seinen Kindern schon mal den Hintern versohlt; in der Mitte und rechts die Mutter, die ihre Söhne und Töchter liebevoll versorgt und offenbar auch für deren Bildung zuständig ist, während sich Vater mit seinen Geschäftsbüchern beschäftigt >Details

 

Das Schriftstück auf Vaters Tisch zeigt nicht nur das genaue Datum der Fertigstellung des Werkes (29. September 1899), sondern enthält auch noch den Wunsch «Vater und Mutter mögen noch lange am Leben sein im 20. Jahrhundert».

 

1901 wurde das Werk durch die Schweizerische Eidgenossenschaft erworben und später dem Kunsthaus Zürich als Leihgabe anvertraut.

 

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Agnes Martin (1912-2004). Untitled 2002 und 1998. Fondation Looser, Kunsthaus Zürich.

 

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Untitled, 2002.

 

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Untitled, 1998.

 

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Untitled, 1998. Detail.

 

 

>Details (PDF)

29. März 2022, Referentin Maya Karacsony

Agnes Martin (1912-2004). Untitled, 2002/1998.

 

Die beiden Werke der kanadisch-amerikanischen Künstlerin sind im neuen Chipperfieldbau des Kunsthauses Zürich zu sehen. Es sind grossformatige Bilder aus Acryl und Grafit auf Leinwand – beides sind Spätwerke, die die Künstlerin im Alter von fast 90 Jahren malt. Wie sind sie einzuordnen? Handelt es sich um abstrakten Expressionismus? Oder eher um Farbfeldmalerei? Oder um Minimalismus? Die Künstlerin selbst sieht sich nicht als Minimalistin. Ihre Vorbilder waren >Mark Rothko (1903-1970) und Barnett Newman (1905-1970), die beide für ihre Farbfeldmalerei berühmt sind. Agnes Martin sieht in ihren Werken aber auch so etwas wie Meditationsbilder.

 

Der Aufbau dieser quadratischen Werke basiert auf Rasterstrukturen. Es sind mit Bleistift gezogene, horizontale und/oder vertikale Linien. Die Flächen dazwischen sind mit sanften Pastelltönen «ausgefüllt». Für die Künstlerin sind es «Erinnerungen an die Natur». Zum Beispiel ein blauer Himmel? Warum dann aber vertikal? Vielleicht soll er nach oben in die Unendlichkeit weisen? (einer von mehreren Deutungsvorschlägen der KursteilnehmerInnen).

 

In der gelb-blauen Komposition (Untitled, 1998) ist erst im Detail zu erkennen, dass die Flächen zwischen den blauen Balken aus drei verschiedenen, fein abgestuften Gelbtönen bestehen, unterbrochen von Bleistiftlinien, von Hand gezogen. Aussage der Künstlerin: «Die Leute denken, in der Malerei gehe es um Farbe. Es geht hauptsächlich um Komposition. Komposition ist alles.» Und weiter: «Wenn ich Horizontalen ziehe, siehst du diese grosse Ebene, und du hast ein Gefühl, wie wenn du dich über die Fläche ausbreiten würdest.»

 

Agnes Martin wird 1912 in Saskatchewan, Kanada, geboren. 1942 beginnt sie ihr Kunststudium an der Columbia University in New York. Aus ihrer künstlerischen Frühphase sind kaum Werke erhalten. In den 1950ern lässt sie sich von der Natur und der Wüste von New Mexiko begeistern und macht erste Versuche mit abstrakten Bildern. 1957 zieht sie wieder nach New York. Ab jetzt entstehen abstrakte Werke mit Rasterstrukturen, oft Serien von acht bis zwanzig Bildern. 1968 lässt sich sich endgültig in New Mexico nieder. In der Einöde der Wüste schafft sie die meisten ihrer grossformatigen Gemälde. Sie stirbt 2004 in einer Seniorenresidenz in Taos/New Mexico im Alter von 92 Jahren.

 

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André Derain (1880-1954). Bâteaux dans le Port de Collioure, 1905. Kunsthaus Zürich, Sammlung Merzbacher.

 

 

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Henri Matisse (1869-1954). Intérieur à Collioure (La Sieste), 1905. Kunsthaus Zürich, Sammlung Merzbacher.

 

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Henri Matisse (1869-1954). Nature morte (Buffet et table), 1899. Kunsthaus Zürich.

 

 

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22. März 2022, Referent Reto Bonifazi

André Derain (1880-1954). Boote im Hafen von Collioure, 1905.
Henri Matisse (1869-1954). Intérieur in Collioure, 1905.

 

Die Franzosen Henri Matisse und André Derain gehören (zusammen mit Maurice de Vlaminck) zu den drei Gründern des >Fauvismus. Sie malten 1905 im südfranzösischen >Collioure Bilder, die vom Kunstkritiker Louis Vauxelles als Werke von «wilden Bestien» («fauves») beschimpft wurden. Sie zeichneten sich durch leuchtende, kräftige Farben und durch grobe Pinselstriche aus.

 

Die beiden Werke entstanden im gleichen Jahr 1905 und am gleichen Ort (in Collioure), unterscheiden sich aber im Bildaufbau völlig:
Derains Werk mit den Booten entspricht dem jahrhundertelang praktizierten Aufbau einer klassischen Landschaft (wenngleich in moderner Form in grobem >Pointillismus gemalt): mit einem Vordergrund, einer Mitte und einem Hintergrund.

 

Matisse dagegen geht mit seinem «Interieur» völlig neue Wege: er löst die Räumlichkeit auf, verzichtet auf die Perspektive und stellt dem Betrachter knifflige Fragen: Zeigt die Öffnung nach draussen nun ein Fenster oder ist es eine Balkontüre? Die Dame in rot deutet eher auf einen Balkon hin, aber wenn der Blick nach unten gleitet, sieht man zwei Stühle an einer grünen Wand stehen... was eher auf ein Fenster schliessen lässt. Wenn es aber ein Fenster ist – wie kommt dann die Frau auf den Balkon? Verwirrlich ist auch das Bett und die rote Fläche davor. Ist das nun ein Tisch oder ein Teppich, oder sehen wir gar ein Hochbett?

 

Diese Fragen sind zwar nicht schlüssig zu beantworten, aber das Gemälde von Matisse zeigt, dass sich der Künstler nicht nur vom klassischen Bildaufbau entfernt, sondern auch vom Fauvismus, wie ihn Derain noch interpretiert. Matisse bleibt nicht stehen, sondern entwickelt sich weiter in Richtung Moderne. >mehr über Matisse

 

Von Derain weiss man, dass er 1908 viele seiner bisherigen Bilder zerstörte und sich dann Stilen zuwandte, die eher wieder in Richtung der klassischen Malerei tendierten >mehr über Derain

 

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