Kunst über Mittag
2022

 


So heisst der Kurs, der im Kunsthaus Zürich stattfindet – organisiert von der Migros Klubschule. Jeden Dienstag treffen sich Kunstfreunde über Mittag im Kunsthaus. KunstexpertInnen erläutern die Finessen einzelner Werke.

 

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Der Kurs findet zweimal jährlich statt. Im Frühjahr von März bis Juni, im Herbst von September bis Dezember. Je zwölf Wochen.

 

 

 

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Giovanni Segantini (1858-1899).
Die bösen Mütter, 1896-97. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

 

Giovanni Segantini (1858-1899).
Die Strafe der Wollüstigen,
1896-97. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

 

 

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29. November 2022, Referentin Gabriele Lutz

Giovanni Segantini (1858-1899). Die bösen Mütter, 1896-97.

Die Strafe der Wollüstigen, 1896-97.

 

Segantini hat eine ganze Reihe von Werken mit dem symbolisch-träumerischen Thema «Böse Mütter» gemalt. Einige in hellem Tageslicht (in grossen Formaten); diese zwei relativ kleinen Gemälde vermitteln den Eindruck von Mondlicht-Stimmung. Was hat es mit den «bösen Müttern» auf sich? Man vermutet, dass das Motiv auf ein Gedicht des italienischen Librettisten Luigi Illica (1857-1919) zurück geht. Dieses handelt von Frauen, die «sich der Mutterschaft entzogen» und eine hedonistische Lebensführung ohne Kinder bevorzugten und deshalb dafür im Fegefeuer büssen müssen.

 

Die beiden Werke gehören thematisch zusammen. Der «Zyklus» beginnt mit dem Bild «Die Strafe der Wollüstigen». Es zeigt drei Frauen in luftigen Kleidern, die nachts im Mondlicht durch eine eisige Winterlandschaft schweben, rechts im Bild ein abgestorbener Baum, im Hintergrund eine düstere Bergkette im Nebel. Im zweiten Gemälde «Die bösen Mütter» hängen die Frauen halb nackt in einem Baum, die eine, offenbar leidend (oder büssend?) mit einem Säugling an der Brust. Die Mutter hält das Kind aber nicht im Arm, sondern wendet sich seltsam verrenkt von ihm ab. Die zweite Frau im Baum daneben macht dagegen fast einen «zufriedenen» Eindruck. Könnte sie die «Erlöste» darstellen, die nach der Büssung Geläuterte? Die dritte Figur rechts aussen könnte einen Engel darstellen.

 

Warum sich Segantini von diesem Thema so angezogen fühlte, dass er es in mehreren Werken verarbeitete, ist nicht bekannt – er selbst hat sich dazu auch nie geäussert. War es die Sehnsucht nach Mutterliebe?

 

Giovanni Segantini kommt 1858 in Arco am Gardasee zur Welt. Seine Mutter stirbt früh, sein Vater ist Alkoholiker. Giovanni kommt zu Irene, einer Stiefschwester. Das geht nicht gut, Giovanni reisst immer wieder aus. Irene beantragt bei den Innsbrucker Behörden, Giovanni die österreichische Staatsangehörigkeit zu entziehen. Das geschieht tatsächlich und Segantini ist fortan staatenlos...

 

>mehr über Giovanni Segantini

 

Tracey Rose (1974). A Dream Deferred (Mandela Balls), 2013-fortaufend. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

 

 

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22. November 2022, Referentin Martina Kaufmann

Tracey Rose (1974). A Dream Deferred (Mandela Balls), 2013.

 

Rose kommt 1974 in Durban, Südafrika zur Welt. Sie wächst kulturell in zwei Welten auf: Ihr Vater ist ein Katholik, die Mutter gehört einem südafrikanischen Stamm an, in dem noch der Schamanismus gelebt wird. Als erste Schwarze kann Tracey eine katholische Schule für Weisse besuchen, und als erste Schwarze darf sie später an der University of the Witwatersrand in Johannesburg Bildende Kunst studieren. 1996 schliesst sie mit einem Bachelor of Arts ab. 2001 vertritt sie ihr Land an der Biennale Venedig. Ihr künstlerisches Schaffen deckt die Bereiche Fotografie, Video, Performance und Skulptur ab. Da ihr kultureller Hintergrund sowohl christlich als auch schamanisch ist, oszilliert ihre Kunst zwischen Wissenschaft und Spiritualimus. Dabei behandelt sie vor allem die Themen Ungleichheit, Identität, Rassismus und Feminismus.

 

>Video Brooklyn Museum, 2007, Global Feminismus

 

Das besprochene Werk heisst «A dream deferred» (der aufgeschobene Traum) und «Mandela Balls» (Mandela-Eier). Es wurde 2018 vom Kunsthaus erworben. Die Künstlerin weist mit diesen «Balls» auf die problematische Situation in ihrer Heimat Südafrika hin. Insbesondere geht es ihr um das Zerfallen der von Nelson Mandela (geb. 1918, Präsident Südafrikas von 1994 bis 1998, gestorben 2013) verkörperten Ideale und seines Traumes nach Gerechtigkeit und Gleichheit der Rassen. Der Titel «A dream deferred» stammt aus einem Gedicht von Langston Hughes (1902-1967), einem afroamerikanischen Schriftsteller, der fragt, ob ein aufgeschobener Traum genauso austrocknet wie eine Traube in der Sonne.

 

Mit der Fertigung der «Mandela Balls» hat die Künstlerin 2013 begonnen. Ihr Ziel ist es, 95 Balls zu fertigen (entsprechend der Jahre, die Mandela gelebt hat). Wieviele bis heute geschaffen wurden, ist nicht bekannt. Im Kunsthaus Zürich sind acht zu sehen. Sie bestehen aus verschiedensten einfachen Materialen wie Stoff, Schnüren, Verpackungsmaterial. Mit dem Ausdruck «Balls» drückt Tracey Rose aus, dass sie den Mut und die Tatkraft Mandelas bewundert. Balls in diesem Sinne sind «Eier», zusammengefasst im englischen Ausdruck «He's got balls», wörtlich «er hat Eier» oder sinnbildlich «er hat was drauf».

 

Fabienne Verdier (1962). L'Un (crée en hommage à Mstislav Rostropovitch le jour de sa mort), 2007. Fondation Hubert Looser, Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Detail.

 

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15. November 2022, Referentin Maya Karacsony

Fabienne Verdier (1962). L'Un (crée en hommage à Mstislav Rostropovitch le jour de sa mort), 2007. Fondation Hubert Looser.

 

Wer ist Fabienne Verdier? In Frankreich hat sie einen guten Namen, doch hierzulande kennt man sie kaum. Dabei hat sie eine aussergewöhnliche Karriere hinter sich. Sie kommt 1962 in Paris zur Welt und macht ihr Studium an der Ecole des Beaux-Arts in Toulouse. Im Alter von 20 beweist sie Mut und reist ohne Sprachkenntnisse ins kommunistische China. Dort will sie sich von einem Meister der Kalligrafie in die alten Geheimnisse der chinesischen Kunst einweihen lassen. Sie durchläuft eine harte Lehre – neun Jahre lang, bis 1992. Zunächst muss sie das Siegelschneiden (Ying, Yang) erlernen. Dann folgen chinesische Poesie, Literatur, Philosophie und das Kopieren grosser Meister, erst dann die Lehre der Kalligrafie. Nach ihrer langen Ausbildung in China kehrt sie nach Paris zurück und lässt dort das Gelernte als Weiterentwicklung in ihre Kunst einfliessen.

 

Die Fondation Looser ist im Besitz mehrerer Werke von Fabienne Verdier. Zur Zeit ist nur dieses im Kunsthaus Zürich ausgestellt. Das Werk «L'Un» lehnt sich optisch an die Kalligrafie an, es ist aber keine Kalligrafie. Dieses Werk im Grossformat stellt sie mit einer von ihr selbst konstruierten Maschine her – eine Art Bürstenpinsel aus Rosshaar. Die feinen Spritzer und Linien neben dem schwarzen Balken entstehen zufällig. Was lässt sich in diesem Bild erkennen? Die Autorin gibt selbst keine Erklärungen dazu ab und überlässt die Deutung den Betrachtenden. Die Deutungsversuche der KüM-KursteilnehmerInnen sind vielfältig und reichen von Musiktönen, Energieströmen und Wind bis zu verflüchtigten Seelen nach dem Tod, zumal das Werk ja eine Hommage an einen eben Verstorbenen ist. Und wer ist der Tote? Wikipedia weiss: «Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch * 27. März 1927 in Baku; † 27. April 2007 in Moskau war ein russischer Cellist, Dirigent, Pianist, Komponist und Humanist. Er gilt als einer der bedeutendsten Cellisten der Geschichte.»

 

2003 schreibt Fabienne Verdier das Buch «Zeichen der Stille», in dem sie über ihre neunjährige Lehrzeit in China erzählt.

 

>Website der Künstlerin

 

Zurzeit läuft eine >Ausstellung von Fabienne Verdier im Museum Unterlinden im elsässischen Colmar (bis 27.3.2023). Das Highlight des Museums ist der berühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert.

 

Vincent van Gogh (1853-1890). Der Sämann bei untergehender Sonne, 1888. Sammlung Emil Bührle, Kunsthaus Zürich. Eine zweite Version ist im van Gogh Museum Amsterdam zu sehen.

 

Detail. Der gesichtslose Sämann.

 

Detail Farbauftrag.

 

 

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8. November 2022, Referentin Stefanie Faccani-Baumann

Vincent van Gogh (1853-1890). Le Semeur au soleil couchant, 1888.

 

Das Thema Sämann beschäftigt van Gogh schon lange vor seiner Zeit in Arles im Süden Frankreichs. Er bewundert die Fähigkeiten seines Vorbildes >François Millet, der es meisterhaft versteht, bäuerliche Szenen zu malen. Also erstellt van Gogh eine Reihe von Studien zu diesem Thema – im Stil des Realismus. Als er dann in Arles ankommt, ist er sich nicht mehr sicher. Er schreibt seinem Bruder Theo nach Paris, wie er sich seinen südlichen Sämann vorstellt: aufgebaut mit kräftigen Komplementärfarben (nach Eugène Delacroix) und mit groben Pinselstrichen. Zudem lässt van Gogh sich von der eben aufkommenden Fotografie beeinflussen, die ihm die Idee der Bewegungs-Unschärfe liefert. Das setzt er nun bei seinem Samen auswerfenden Bauern um und bildet dessen Arm «bewegt» ab. In einer anderen Version des «Sämanns» fehlt diese Unschärfe, sie hängt im Van Gogh Museum in Amsterdam >mehr

 

Das besprochene Bild zählt zum Postimpressionismus. Es weicht vom Impressionismus aber nicht nur durch den neuartigen Farbauftrag mit wilden Strichen und Komplementärfarben ab, sondern auch noch durch den Einbezug von Symbolik. Die überdimensionierte gelbe Sonne über dem Kopf des Sämanns wirkt hier wie ein Heiligenschein. Will der Künstler damit ausdrücken, welch tragende (oder göttliche?) Rolle dem Bauern zukommt, der tagein, tagaus dafür sorgt, dass die Menschheit zu essen hat?

 

Der Bildaufbau zeigt Anleihen an den japanischen Holzschnitt, der zu dieser Zeit in Europa Furore macht und auch van Gogh begeistert. Charakteristisch dafür ist vor allem der oben und unten angeschnittene Baum im Vordergrund.

 

Der Künstler malt dieses Bild in einer Zeit, in der er ein paar Wochen in Arles mit Paul Gauguin zusammen lebt und arbeitet: Im November 1888. Van Gogh ist von seinem Werk überzeugt und signiert es stolz mit «Vincent», für ihn eher aussergewöhnlich. Dann schickt er das Bild nach Paris an seinen Bruder Theo, der als Kunsthändler tätig ist. Dieser versucht es zu verkaufen, es findet aber keinen Abnehmer. Die Zeit für diese Art der Malerei ist noch nicht reif. Nach dem Tod der Brüder van Gogh (Vincent stirbt 1890, Theo ein Jahr später) übernimmt >Theos Witwe Johanna sämtliche unverkauften Werke und organisiert zahlreiche Ausstellungen, bis schliesslich 1909 der Knoten platzt und van Gogh zum Weltstar wird.

 

>mehr über Vincent van Gogh

 

John Chamberlain (1927-2011). Archaic Stooge (Strohmann), 1991. Fondation Hubert Looser. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail.

 

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1. November 2022, Referentin Andrea Sterczer

John Chamberlain (1927-2011). Archaic Stooge, 1991.

 

Der in Rochester/Indiana geborene US-Amerikaner war Bildhauer, Maler und Objektkünstler. Bekannt wurde er als erster Recycling-Künstler innerhalb der Kunstsparte Junk-Art. Schon 1958 begann er in den USA, Kunstwerke aus Autoteilen zu erstellen. Chamberlain hat auch einen Bezug zur Schweiz: 2009 beschaffte er sich Auto-Abfallteile aus dem 2004 aufgelösten Autofriedhof Messerli in Gürbetal BE, um eine ganze Reihe von Recycling-Werken zu schaffen, die dann elf Jahre nach seinem Tod in einer Ausstellung der Galerie Hauser & Wirth 2022 in Zürich ausgestellt wurden

 

>Ausstellung Hauser & Wirth 1.4.-21.5.22

 

 

Im Kunsthaus Zürich sind drei Chamberlain-Werke ausgestellt: Der Knee Pad Examiner von 1976 und Socket Grey, 1977. Das heute besprochene Werk trägt den Namen Archaic Stooge, Archaischer Strohmann. «Stooge» heisst übersetzt Handlanger. Dieser «Strohmann» hat also nichts mit Stroh zu tun, das ist allen klar. Man versteht darunter eine Person, die vorgeschickt wird, eine andere zu ersetzen, also eine Stellvertreterfigur.

 

Was aber weniger bekannt ist: Der Begriff hat einen römisch-mythologischen Hintergrund. Strohpuppen wurden verwendet, um diese anstelle von Menschenopfern in den Tiber zu werfen. Es soll Hercules gewesen sein, der die Menschenopfer beim Argeier-Ritual abschaffte und sie durch Strohpuppen ersetzte.

 

Chamberlains archaischer Strohmann besteht aus gequetschten, bemalten und glanzverchromten Stahlteilen, die von Auto-Überbleibseln stammen. Der Künstler hat sie aus verschieden grossen Teilen zusammengefügt. Die obersten Elemente sind deutlich kleiner und bilden eine Art «Haartracht» für den Körper des «Strohmanns». Man kann das Werk aus allen Blickwinkeln betrachten und findet dabei «freundliche» und «aggressive» Seiten. Man kann darin auch eine Art Malerei erkennen – die Farben sind dezent gewählt und bestehen aus verschiedenen Grau- und Beigetönen.

 

 

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Gustave Courbet (1819-1877). Winterlandschaft, 1866. Sammlung Emil Bührle. Kunsthaus Zürich.

 

Detail 1.

 

Detail 2.

 

 

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25. Oktober 2022, Referentin Andrea Sterczer

Gustave Courbet (1819-1877). Winterlandschaft, 1866.

 

Courbet nimmt unter den Malern des französischen >Realismus eine Spitzenstellung ein, er gilt sogar als Schöpfer dieser Kunstrichtung. «Ich male, was ich sehe», sagt er selbst dazu. Er ist zwar kein «politischer Maler», aber mit seinem Realismus prangert er dennoch soziale Missstände an. Er will in seinen Werken nicht nur Adlige und Geistliche darstellen, sondern auch «normale» Menschen wie Bauern und Arbeiter. Das kommt in den akademischen Kreisen schlecht an. Deshalb werden seine Werke auch immer wieder abgelehnt. So im >Salon de Paris oder durch die Jury der Weltausstellung 1855. Aus Protest richtet er dort seinen eigenen «Pavillon du Réalisme» ein und stellt seine Werke aus.

 

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Das besprochene Bild ist kein Hauptwerk des Künstlers. Winterlandschaften wurden relativ selten gemalt, die ersten stammen aus dem 16. Jahrhundert (>Pieter Brueghel). Grund dafür ist, dass die Darstellung von Schnee sehr schwierig ist, weil er nicht einfach «weiss» gemalt werden kann. In Courbets Schnee sind denn auch zahlreiche zusätzliche Farben zu erkennen. Neben Weiss auch Blau, Braun, Grün, Rosa, Gelb. Erst die perfekte Mischung macht den Schnee aus (Detail 1).

 

Der Bildaufbau dieser Winterlandschaft ist klassisch gehalten – mit Vordergrund, Mittelteil und Hintergrund in perspektivisch richtiger Anordnung. Auf den ersten Blick wirkt das Gemälde ruhig, doch bei näherer Betrachtung wird es sehr lebendig. Besonders der Mittelteil (Detail 2), der mit wilden Strichen, pastös mit Spachtel aufgetragener Farbe und in einer ganzen Palette von Farbtönen gestaltet ist. Aus nächster Nähe wirkt das Ganze wie ein malerisches Chaos. Erst aus einiger Distanz betrachtet, wird der beschneite Abhang als solcher erkennbar.

 

Ähnliches gilt für die Darstellung der Baumspitzen gegen den blauen Himmel. Man glaubt schneebedeckte Blätter der Bäume zu sehen – aber tatsächlich sind es nur weisse Punkte und Flecken, die der Künstler gekonnt an den richtigen Stellen setzt und damit seine Meisterschaft beweist.

 

Kader Attia (1970). Janus, 2020. Kunsthaus Zürich.

 

Janus-Rückseite.

 

 

>Details (PDF)

18. Oktober 2022, Referentin Maya Karacsony

Kader Attia (1970). Janus, 2020.

 

Der 1970 in Paris geborene Attia wächst in zwei Kulturen auf: In Algerien und in Frankreich. Er befasst sich schwerpunktmässig mit den Themen Gewalt und Kolonialismus. Seine Skulptur «Janus» ist eine Auftragsarbeit des Kunsthauses Zürich. Sie steht direkt neben >Rodins Höllentor und repräsentiert die Gegenwartskunst.

 

Was ist ein Januskopf? Der Begriff stammt vom römischen Gott Janus, der mit zwei Gesichtern ausgestattet ist, damit er gleichzeitig nach vorn und nach hinten schauen kann. In seiner heutigen Bedeutung steht der Januskopf für Zwiespältigkeit. In Attias Werk hingegen zeigen beide Hälften das gleiche Drama: Es sind Köpfe von Kriegsopfern des Ersten Weltkriegs. Damals mussten an der Seite der Franzosen auch Afrikaner aus den französischen Kolonien gegen die Deutschen kämpfen. Viele wurden getötet, noch mehr verwundet und einige von ihnen wurden so verstümmelt, dass sie aus der Gesellschaft ausgesondert und in besonderen Anstalten isoliert wurden. Kader Attia will mit diesen geules cassées (zerschlagene Fressen) auf das Leid und die Ungerechtigkeit hinweisen, das diesen afrikanischen Soldaten widerfahren ist.

 

Kader Attia fand in französischen Archiven Fotos dieser verstümmelten Kriegsopfer. Mit den Fotovorlagen reiste er in den Senegal (ehemalige Kolonie Frankreichs) und liess von dortigen traditionellen Kunsthandwerkern nach den Fotos Holzbüsten erstellen, die der Künstler dann an verschiedenen Ausstellungen zeigte, auch in >Zürich 2020

 

Im Falle der Grossskulptur «Janus» liess Attia von den afrikanischen Künstlern eine zwei Meter hohe Holzbüste erstellen. Dabei wurde ein über hundert Jahre altes Holz verwendet. Dieses Original wurde dann in die Schweiz überführt und diente der Kunstgiesserei St. Gallen als Form für einen Aluminiumguss.

 

Kader Attia zeigte seine Holzbüsten der «geules cassées» erstmals 2012 auf der documenta (13) in Kassel. 

 

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Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901). Zwei Freundinnen, 1895. Sammlung Emil Bührle. Kunsthaus Zürich.

 

Ausschnitt 1.

 

Ausschnitt 2.

 

 

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11. Oktober 2022, Referent Reto Bonifazi

Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901). Les Deux Amies, 1895.

 

Das Gemälde befindet sich im 2. Stock des Chipperfield-Gebäudes in einem engen Raum. Es stammt aus der Sammlung Emil Bührle. Wasserfarbe auf Karton. Gemalt wurde es 1895, es gehört also zur Moderne. Was spricht vom Stil her für die Moderne? Einmal die Vereinfachung, dann aber auch der lockere Pinselstrich.

 

Auf den ersten Blick glaubt man eine lesbische Liebesszene in der Natur zu erkennen – das ist es aber nicht. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass es sich beim «Umfeld» um ein Bett handelt. Der Künstler malt es mit wenigen Strichen und Schraffuren, bis es eine gewisse illusionistische 3D-Wirkung bekommt: Der Bettrand ist gerade noch zu erkennen, das Kissen erhält durch die Schraffuren eine Form.

 

Das Bett steht in einem Bordell. Die beiden Frauen sind Prostituierte und Freundinnen. Sie nehmen sich eine Auszeit und geben sich einem zärtlich-erotischen Spiel hin. Die liegende Frau ist fast nackt, sie ist nur mit schwarzen Strümpfen und einem leicht transparenten roten Tuch bedeckt. Der Künstler hat es mit einem feinen Farbauftrag geschafft, die weisse Haut darunter noch durchschimmern zu lassen. Die Frau oben hat – wie es scheint – ihre Hand unter das rote Tuch wandern lassen, richtig sichtbar macht es der Maler aber nicht. Auch nicht, wohin die Hand führt. Man/frau darf es sich ausmalen.

 

Eine Schlüsselstelle ist das Gesicht der Frau mit der Bluse. Während sie ihre Freundin zärtlich streichelt, blickt sie – nur sanft angedeutet – fragend in ihre Augen, als wollte sie eine Reaktion auf ihr Tun erkunden. Die Antwort darauf erschliesst sich nicht, denn der Künstler setzt den Kopf der Gestreichelten so ins Profil, dass keinerlei (Er)regung erkennbar ist.

 

Dass sich der Künstler in Bordellen wohl fühlte, ist nachvollziehbar. Er selbst war – wie das auch die Prostituierten sind – ein Aussenseiter der «grossen» Gesellschaft, die ihn aufgrund seines Kleinwuchses (er mass 1.52 Meter) nie richtig akzeptierte. Ganz anders die Frauen im Bordell. Zu ihnen hatte der Künstler ein Vertrauensverhältnis. Offenbar akzeptierten sie ihn auch in solchen intimen Momenten als Beobachter. So entstanden zahlreiche Werke, die «Freundinnen» beim erotischen Spiel abbilden.

 

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Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867). Hippolyte-François Devillers, 1811. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

 

Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867). Madame Ingres, née Madeleine Chapelle, 1814. Kunsthaus Zürich.

 

 

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4. Oktober 2022, Referentin Andrea Sterczer

Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867).

Hippolyte-François Devillers, 1811. Madame Ingres, 1814.

 

Die besprochenen Gemälde stammen aus der Sammlung Emil Bührle – es sind keine «grossen» Werke von Ingres. Dieser wäre gerne Historienmaler geworden, aber das schafft er erst sehr spät in seinem Leben. Schon als Zwölfjähriger wird er Schüler von >Jacques-Louis David und ab 1799 kann er an der >Ecole des Beaux-Arts in Paris studieren. Eine erste grosse Anerkennung erfährt er 1801, als er den «Prix de Rome» gewinnt. In Rom arbeitet er ab 1806. Da mit Historienmalerei kaum Geld zu verdienen ist, setzt er sein Talent für Porträts ein und bekommt sogar Aufträge von Kaiser Napoleon. Berühmt wird er aber auch mit Aktgemälden wie z.B. La Grande Odalisque und der Baigneuse de Valpinçon von 1808. Akte malt er mit Begeisterung bis ins hohe Alter.

 

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Wie kam Ingres dazu, Hippolyte-François Devillers zu porträtieren? Der Künstler war in Rom tätig und malte hier in kaiserlichem Auftrag Porträts von französischen Besatzungsbeamten und ihrer Familien. Zu diesen gehörte Devillers (1767–1837), der in Rom als Direktor der Liegenschaftsverwaltung eingesetzt war. Zuvor war er Offizier in Napoleons Armee. Es heisst, dass Devillers ein Bonvivant war und gerne Feste feierte. An diesem Porträt fällt vor allem die schmucke und reich verzierte Uniform auf, die der Maler in allen Details zur Geltung bringt. Devillers hält eine Schnupftabakdose in der linken ringbesetzten Hand, seine rechte Hand hält er in Napoleon-Manier in sein elegantes Jackett gesteckt. Nur schwer erkennbar auf dem Bild ist der napoleon-typische Dreispitzhut, den er unter dem Arm trägt.

 

Das andere Porträt zeigt Ingres erste Ehefrau Madeleine, die er 1813 ehelicht und mit der er bis zu ihrem Tod 1849 verheiratet ist. Der Künstler zeigt seine Madeleine mit feinem jungen Gesicht (sie ist da schon über dreissig) und mit liebevollen Augen. Für eine ebenso feine Ausführung ihres Kleides reichte seine Geduld offenbar nicht mehr, es enthält ziemlich grobe Pinselstriche – kein Vergleich mit der detaillierten Ausführung des Devillers-Porträts.

 

Drei Jahre nach Madeleines Tod heiratet Ingres seine zweite Frau Delphine Ramel, die 30 Jahre jünger ist als er, er selbst ist da schon 72.

 

Pipilottis Turm vom Chipperfieldbau aus

 

E.T. lässt grüssen

 

Tastende Lichter am alten Kunsthaus

 

Pixelwald Turicum in der Merzbacher Sammlung im Chipperfieldbau.

27. September 2022, Referentin Maya Karacsony

Pipilotti Rist (1962). Tastende Lichter, 2020.

 

Als Einleitung stellt die Referentin das Gesamtwerk der 1962 in Grabs SG geborenen Künstlerin vor, die eigentlich Elisabeth Charlotte Rist heisst. Die Inspiration für ihren Künstlernamen Pipilotti hat sie sich im Kinderbuch «Pipi Langstrumpf» der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren (1907– 2002) geholt. Ihre Künstlerkarriere begann 1986 mit einer Videoproduktion unter dem Titel «I'm not the girl who misses much». Inzwischen ist sie eine international anerkannte Videokünstlerin mit zahlreichen Auszeichnungen für ihr multimediales Schaffen.

 

>mehr über Pipilotti Rist

 

Ihre grosse Retrospektive 2016 im Kunsthaus Zürich war Ausgangspunkt für das Projekt «Tastende Lichter». Rund fünf Jahre vor der Eröffnung des Erweiterungsbaus (Chipperfieldbau) erhielt die Künstlerin den Auftrag für eine permanente Lichtinstallation.

 

Sie präsentierte die Idee, durch Lichter eine Verschmelzung der Gebäude des Heimplatzes (altes Kunsthaus, neues Kunsthaus, Schauspielhaus) zu erreichen. Schliesslich entstand daraus der «Plan Lumière», zu dem die Installation «Tastende Lichter» gehört.

 

Das Zentrum bildet der in knalligen Farben gestaltete und bewusst krumm konzipierte Leuchtmast, der in den Abendstunden der dunklen Jahreszeit verschiedenfarbige runde Lichtflecke auf die umliegen­den Fassaden projiziert. Die «tastenden Lichter» wandern über die Architektur und auf den Boden, zudem werden Videos auf die Statuen der Nordfassade des Moserbaus gelenkt und erwecken so die sonst kaum beachteten Figuren zum Leben.

 

Im ersten Stock des Chipperfieldbaus neben den Gemälden der Merzbacher-Sammlung ist ein weiteres spektakuläres Werk der Licht- und Musik-künstlerin zu bewundern: Der Pixelwald Turicum, 2021. Er besteht aus tausenden von LED-Lämpchen, die in unzähligen, wechselnden Farbtönen aufleuchten und die BesucherInnen faszinieren. Zum Lichtspektakel gehört eine betörende Tonschau aus Musik, Waldgeräuschen und Lauten, die an Vogelstimmen erinnern. Ein Raum zum Träumen und um die Seele baumeln zu lassen.

 

Paul Cézanne (1839-1906).
Der Knabe mit der roten Weste,
1888-90. Stiftung Sammlung E.G. Bührle, Kunsthaus Zürich.

20. September 2022, Referent Daniel Näf

Paul Cézanne (1839-1906). Der Knabe mit der roten Weste.

 

Der Referent stellt sich kurz vor – er ist seit 21 Jahren mit Kunstgeschichte beschäftigt. Die heutige Gruppe besteht aus etwa zehn Personen. Das heute vorgestellte Werk gehört der Stiftung Sammlung E.G. Bührle und stammt aus dem Jahr 1888. Die schöne Farbe der Weste sei ihm aufgefallen, meint Daniel. Während z.B. Botticelli oder Giacometti im visuellen Malen mit Linien arbeiteten, fokussierte Cézanne auf das flächige Zueinandergehen von Farben. Der Referent zeigt zwei Beispiele auf Fotos. Sodann verweist er auf zwei Landschaftsbilder im Raum, in denen Cézanne auch mit Flächen malt. Beim Porträtieren fokussiert der Malende auf den Kopf. Dieser sei gut gelungen. Er lasse den Körper eher vage (siehe Knabe). Die Schulter sei ihm nicht sehr gut gelungen. Ebensowenig das Grau unter dem Arm, das auf den gräulichen Hintergrund weist. Das Bild sei zweidimensional geworden. Die Dreidimensionalität sei äusserst schwierig zu erreichen. Man mache das mit leichten Farbnuancen, dunkler oder heller. Damit könne man die Raumtiefe variieren. Hier sei es nicht wirklich gelungen. Trotzdem gehöre das Bild zur Phase von Cézannes' besten Gemälden. Der Referent geht dann auch noch auf die menschliche Seite des Künstlers ein. Cézanne scheint mit seiner rauhbauzigen Art nicht sehr beliebt gewesen zu sein.

 

>mehr über Paul Cézanne

 

PS: Dieser Text stammt von KüM-Teilnehmerin Liselotte Schoch. Falls du auch mal Lust hast, hier einen Beitrag zu liefern, so wie vorher schon Ueli Kummer und Marianne Keller – du bist herzlich eingeladen im Team.

Louise Bourgeois (1911-2010). Arched Figure, 1993. The
Israel Museum, Jerusalem.
Ausstellung 2022
«Take care: Kunst und Medizin». Kunsthaus Zürich.

 

Arched Figure, 1993. The
Israel Museum, Jerusalem.

 

 

Louise Bourgeois (1911-2010). Maman, 1999. Guggenheim-Museum, Bilbao.

 

 

 

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7. Juni 2022, Referentin Martina Kaufmann

Louise Bourgeois (1911-2010). Arched Figure, 1993.

 

Die imposante Bronzeskulptur ist in der zurzeit im Kunsthaus Zürich laufenden Ausstellung «Take care: Kunst und Medizin» zu sehen (bis 17. Juli 2022). Sie stammt von der französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois, die vornehmlich in New York lebte und arbeitete.

 

Die kopflose Figur scheint sich vor Schmerz zu krümmen, sie bildet einen «Arc de cercle», wie er vom französischen Pathologen und Neurologen Jean Martin Charcot um das Jahr 1880 beschrieben wurde: Der Körper wird dabei kreisbogenartig nach hinten überstreckt. Der Kopf liegt im Nacken und wird aufs Bett gepresst, während der Rücken durch die Überstreckung angehoben wird. Charcot sah diesen «Arc de cercle» im Zusammenhang mit einem hysterischen Anfall. Solche hysterischen Anfälle wurden damals vor allem Frauen zugeschrieben. Aber ist hier eine Frau auf dem Bett zu sehen? Alles deutet auf einen Mann hin. Und krümmt er sich wirklich vor Schmerz, oder könnte es auch Lust sein? Die Haltung der Zehen beider Füsse ist widersprüchlich – die einen scheinen grössten Schmerz auszudrücken, die anderen Ekstase und Lust.

 

Bourgeois ist bekannt für Widersprüchliches in ihren Werken. Sie mixt auch gerne Männliches mit Weiblichem und lässt das Geschlecht offen. Unter dem Titel «Arched Figure» hat sie mehrere Skulpturen geschaffen, in unterschiedlichen Ausführungen, mal hängend, mal liegend. Von der vorliegenden Version existiert auch eine kleinere Variante in Gold (2007) und eine weitere in textiler Form.

 

Louise Bourgeois wurde erst sehr spät als Künstlerin anerkannt. Sie war schon über 70, als ihr das Museum of Modern Art (MoMA) 1982 in New York eine Retrospektive widmete, die den Durchbruch bedeutete. Dann zogen auch andere US-Museen nach. In Europa dauerte es noch weitere sieben Jahre, bis ihre Werke Anklang fanden.

 

Ihr berühmtestes Werk ist die monumentale Spinne «Maman», die sie 1999 für die Londoner Modern Tate erschuf. Dieses Original war eine Stahlkonstruktion, später wurden davon acht Bronzen gegossen. Eine davon ist permanent vor dem >Guggenheim-Museum in Bilbao zu sehen.

 

 

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Cy Twombly (1928-2011). Vengeance of Achilles, 1962. Kunsthaus Zürich.

 

Detail.

 

Peter Paul Rubens (1577-1640). Achilles besiegt Hektor. Boymans-van Beuningen-Museum, Rotterdam.

 

 

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31. Mai 2022, Referent Reto Bonifazi

Cy Twombly (1928-2011). Die Rache des Achilles, 1962.

 

Der in Lexington (Virginia) geborene US-Amerikaner Cy Twombly übersiedelte 1957 nach Italien. Sein besonderes Interesse galt der Kultur des Mittelmeers und der antiken Mythologie >mehr über Twombly.
Aus der griechischen Mythologie abgeleitet ist auch sein Werk «Die Rache des Achilles». Während Jahrhunderten wurde dieser heroische Kampf zwischen dem Griechen Achilles und dem Trojaner Hektor in Kunstwerken festgehalten, meistens als naturalistische Kampfszenen wie zum Beispiel im Gemälde von Rubens – haargenau Homers Text aus der «Ilias» aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. entsprechend: beide Kämpfer in voller Rüstung und mit Schild, Achilles mit der Lanze, die in Hektors Kehle eindringt – wie's im Buche steht.

 

Cy Twombly hat offenbar keine Lust mehr auf diese klassische Form der Darstellung. Er geht völlig andere Wege. Er zeigt nicht den Kampf der beiden Heroen, sondern nur die Tatwaffe des Achilles. Genauer: Dessen blutgetränkte Lanzenspitze. Twombly tut das in lockeren, schwungvollen Strichen, gezeichnet in einem Rhythmus, der einen hin- und her wogenden Kampf andeuten (könnte), die blutige Spitze der Lanze in aggressiv gesetzten kräftigen roten Strichen.

 

Wie kommt der Künstler auf diese Art der Darstellung? Sein Vorbild ist der abstrakte Expressionist >Jackson Pollock, der mit seinem «zufälligen» Drip-Painting die bisherige kopfgesteuerte Malerei auf ein neues Level hievte. Twombly knüpft hier an, ersetzt aber die Zufälligkeit des Drippens durch einen Rhythmus, den er als Maler selbst bestimmt. Und verleiht damit seinen auf den ersten Blick wie wilde Kritzeleien wirkenden Strichen Leben und Bedeutung.

 

Welche mythologische Legende steckt hinter diesem Werk? Sie stammt aus Homers berühmtem Epos «Ilias» aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. und greift eine berühmte Stelle aus dem Trojanischen Krieg auf: Der griechische Held Achilles rächt sich am trojanischen Helden Hektor für dessen Mord an Achilles' Freund Patroklos. In diesem Epos kommen allerdings nicht nur menschliche Helden vor, sondern auch die griechischen Götter greifen ins Geschehen ein, von Apoll bis Zeus...

 

>mehr über Achilles Rache an Hektor

 

Arnold Böcklin (1827-1901). Kentaur,
den Fischen zuschauend, 1878. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail. Gesicht des Kentaurs.

 

 

Detail. Fisch.

 

 

Detail. Signatur
des Künstlers.

 

 

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24. Mai 2022, Referentin Andrea Sterczer

Arnold Böcklin (1827-1901).
Kentaur, den Fischen zuschauend, 1878.

 

Kentauren werden in der Kunst meist als streit- und kampfsüchtige Wesen dargestellt. Ein berühmter «Kentaurenkampf» stammt auch von Arnold Böcklin aus dem Jahr 1873 >mehr. In dem heute besprochenen Bild zeigt der Künstler aber eine idyllische Seite eines Kentaurs: Dieser liegt verträumt am Wasser und schaut fasziniert den Fischen zu. Wie kommt es, dass der Symbolist Böcklin sich mit einem solch verträumten Thema befasst? Es könnte damit zu tun haben, dass der Künstler in der Epoche der Industrialisierung und der neu erfundenen Maschinen lebt, in der die Idylle keinen Platz mehr hat ist. Deshalb greift er nun auf die griechische Mythologie zurück, um sie wieder aufleben zu lassen. So zeigt er seinen Kentaur sanft und fern von allen Streitigkeiten und Kämpfen.

 

Was ist ein Kentaur? Ein Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Sein Hinterteil stammt vom Pferd, der Oberkörper vom Menschen. Kentauren werden meist als Wesen mit unbeherrschtem und streitsüchtigem Charakter beschrieben. Dazu zeichnen sie sich durch Lüsternheit aus und sind stets auf der Jagd nach Frauen. Und wie sind die Kentauren entstanden? Ursprung ist ein Gelage der griechischen Götter, zu dem auch der (menschliche) König der Lapithen, Ixion, eingeladen ist. Der König, sturzbetrunken, belästigt die Göttin Hera (die Gattin von Zeus). Dieser erschafft daraufhin ein Trugbild seiner Frau, ein Nephele, eine Wolke. König Ixion ist so betrunken, dass er sich mit diesem Trugbild, also mit der Wolke, paart. Aus dieser Verbindung entstehen die ersten Kentauren.

 

>mehr über Kentauren

 

 

Arnold Böcklin zählt zu den wichtigsten Vertretern des >Symbolismus. Als Sohn eines Seidenfabrikanten wächst er in Basel auf. Von 1850 bis 1857 lebt er in Rom, wo er die alten Meister und die Antike studiert. In dieser Zeit heiratet er die 17jährige Römerin Angela Pascucci. Erst 1862 erhält er seinen ersten richtigen Auftrag: «Die Jagd der Diana». Auftraggeber ist das Kunstmuseum Basel. Zehn Jahre lang – von 1874 bis 1884 – lebt und arbeitet er in Florenz. Dort entstehen Böcklins bedeutendste Werke, darunter die >Toteninsel. Böcklin erleidet 1892 einen Schlaganfall. Nun zieht er mit Ehefrau Angela und seinen Söhnen nach Florenz in sein Anwesen in Fiesole. In der Villa Bellagio verbringt er die letzten Jahre seines Lebens. Er stirbt am 16. Januar 1901.

 

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Eugène Delacroix (1798-1863). Apollon vainqueur du serpent Python, 1853. Sammlung Bührle. Kunsthaus Zürich.

 

 

Detail. Apollos Streitwagen mit vier Pferden.

 

 

Detail. Drache Python im Sumpf.

 

 

 

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17. Mai 2022, Referentin Andrea Sterczer

Eugène Delacroix (1798-1863). Der Triumph Apollos, 1853.

 

Im Originaltitel heisst das Gemälde «Apollon vainqueur du serpent Python» – und damit ist der Inhalt des Bildes beschrieben: Apollon (Sohn des Göttervaters Zeus und der Göttin Leto) tötet den Drachen Python, der die grosse Flut überlebt hat und jetzt im Sumpf lebt. In der griechischen Mythologie ist Apollon der Gott des Lichts, was im Gemälde gut erkennbar ist: Er ist von goldenen Strahlen umgeben und markiert das Zentrum. Das Gemälde ist sozusagen im Kreis aufgebaut, beginnend mit dem Drachen unten im Sumpf und zu «lesen» gegen den Uhrzeigersinn. Der Kampf mit dem Drachen selbst ist nicht zu sehen, vielmehr reitet Apollon mit vier sich aufbäumenden Pferden durchs Licht. Für seinen Kampf gegen Python hat er eine Menge Figuren versammelt, von Ungeheuern bis zu himmlischen Wesen.

 

Apollon ist ein ziemlich beschäftigter Gott – er ist nicht nur für das Licht und den Frühling zuständig, sondern auch für die Heilung und die sittliche Reinheit, für die Weissagung und für die >Künste. Darüber hinaus soll er für die Mässigung sorgen. Für ihn scheint das aber weniger zu gelten. Wenn es um die Jagd nach jungen Frauen und Männern geht, ist er unersättlich. Die Tochter des Flussgottes Peneios, die Nymphe >Daphne, kann ein Lied davon singen. Sie wehrt sich verzweifelt gegen Apollon, indem sie ihre liebreizende Gestalt in einen Lorbeerbaum verwandelt.

 

Python, der Drache, steckt im Sumpf und Schleim – einem Überbleibsel der grossen Flut, die Zeus auf die Erde gesandt hat, um die Menschen zu bestrafen: Es ist die Deukalionische Flut. So wie im Alten Testament der christliche Gott Noah den Auftrag erteilt, die >Arche zu bauen, so befiehlt in der griechischen Mythologie >Prometheus seinem Sohn, ein Schiff zu bauen. Als der Regen beginnt, besteigen Deukalion (daher deukalionische Flut) und seine Frau Pyrrha den Kasten. Ganz Griechenland wird überschwemmt. Nach neun Tagen und neun Nächten landet das Paar auf dem Berg Parnassos. Der «gerechte» Deukalion und seine Frau Pyrrha sind die einzigen Überlebenden (neben dem Drachen Python...).

 

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Maurice de Vlaminck (1876-1958). La Seine
au Pecq, 1905. Merzbacher-Sammlung. Kunsthaus Zürich.

 

La Seine
au Pecq, 1905.

Detail.

 

Maurice de Vlaminck (1876-1958). La Danseuse du Rat Mort, 1905-06. Merzbacher-Sammlung. Kunsthaus Zürich.

 

 

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10. Mai 2022, Referent Reto Bonifazi

Maurice de Vlaminck (1876-1958). La Seine au Pecq, 1905.

 

Ein «modernes Bild», keine Frage. Im Stil des >Fauvismus gemalt – in leuchtenden, flächigen, kräftigen Farben. Aber der Bildaufbau ist noch «alte Schule» und könnte aus der Renaissance stammen. Er zeigt nämlich die dafür typischen Charakteristika: Eine Landschaft mit Tiefe – Vordergrund, Mittelteil, Hintergrund – und dazu zentralperspektivisch gemalt.

 

Als der Künstler dieses Bild malte, war er fast 30 Jahre alt. Trotzdem wirkt es so, als hätte er noch in der Pubertät gestanden. Er schafft es mit der ganzen Kraft seiner Jugend – und innovativ. So malt er die Häuserreihe im Hintergrund nicht, um dort Gebäude abzubilden, sondern um dort eine Art «Träger» für eine wichtige Farbkomponente zu erschaffen: die knallige Fläche von Rot, die dem Bild Dramatik verleiht und das Auge führt.

 

Zudem versteht es der Künstler meisterhaft, mit nur wenig Pinselstrichen Wirkung zu erzielen – gut zu erkennen im Detailbild: aus nächster Nähe betrachtet, besteht der Schlepper auf der Seine bloss aus Farbklecksen, aber aus der Distanz wirkt er ganz real und lebendig.

 

Das Gemälde La Danseuse du Rat Mort stammt aus der selben Epoche (Fauvismus), weist aber kaum Tiefe auf. Der Körper der Frau verschmilzt fast mit dem Hintergrund. Der Oberkörper und der rechte Arm sind völlig flächig. Die einzig erkennbare Abhebung ist die eine nackte Brust, die andere ist nicht einmal angedeutet, sondern «versteckt» sich hinter einem pastösen (dick aufgetragenen) Pinselstrich, total verflacht. Die groben roten, gelben und schwarzen Pinselstriche auf dem weissen Hintergrund erinnern an den Malstil von Vincent van Gogh.

 

Stellt das Gemälde ein Porträt einer bestimmten Person dar? Eher nicht, vielmehr eine typisierte Abbildung einer Nachtclubtänzerin mit den klassischen Merkmalen wie modischer Hut, dick aufgetragenes Make-up, laszive Bekleidung mit dem neckisch gefallenen Träger, halterlose Strümpfe – und natürlich mit der partiellen Nacktheit.

 

Maurice de Vlaminck kommt 1876 in Paris zur Welt. Sein Berufsziel wäre eigentlich Radrennfahrer, aber eine schwere Krankheit macht diese Pläne zunichte. Schliesslich wird er Musiker und beginnt erst spät mit der Malerei, da ist er schon über 20. Zusammen mit Henri Matisse und André Derain begründet er um 1905 im südfranzösischen Fischerdörfchen Collioure den Fauvismus...

 

>mehr über Maurice de Vlaminck

 

Sonja Sekula (1918-1963). Silence, 1951. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

Detail 1.

 

 

Detail 2.

 

 

 

>Details (PDF)

 

3. Mai 2022, Referentin Maya Karacsony

Sonja Sekula (1918-1963). Silence, 1951.


Sonja Sekula ist eine in Luzern geborene Wort- und Bildkünstlerin. Sie wandert 1936 mit ihrer wohlhabenden Familie nach Amerika aus, studiert Kunst in der «Art Students League» in New York, zusammen mit (heute) berühmten Künstlern wie >Jackson Pollock und anderen Avantgardisten. Sie selbst nennt sich eine «abstrakte Naturalistin». Ihr Dilemma: Sie schreibt auch gerne (und gut) und kann sich nur schwer entscheiden, ob sie ihren Weg als Schriftstellerin oder als Malerin gehen soll. In New York kommt sie schnell in die wichtigsten Künstlerkreise – dank ihren Eltern, die sehr gute Kontakte zu Künstlergrössen des Surrealismus pflegen. Dazu zählen unter anderen >Max Ernst, >Marcel Duchamp oder >André Breton.

Sekula findet rasch Anschluss zu Künstlern und Galeristen, und 1943 gehört sie sogar zu den 31 Frauen, die von >Peggy Guggenheim in ihrer berühmten Ausstellung «31 women» in der Galerie «Art of this Century» gezeigt werden. 1946 hat Sekula ihre erste Einzelausstellung, ab 1948 stellt sie bei Betty Parsons aus, dann bei Leo Castellis legendärer «9th Street Exhibition». So vielversprechend ihr Start ist, Erfolge bleiben rar, sie kann nur wenige Werke verkaufen, wird depressiv und erleidet 1951 einen Nervenzusammenbruch. Schliesslich reist sie in die Schweiz zurück. Auch hier bleibt der Erfolg aus, man empfindet ihre Werke als «zu amerikanisch». Ihre Depression nimmt zu, sie ist am Ende ihrer Kräfte. Am 23. April 1963 erhängt sie sich in ihrem Atelier in Zürich. >mehr über Sonja Sekula

Ist das besprochene Bild Silence von 1951 ein Ausdruck ihrer depressiven Stimmung? Nein. Es vermittelt zwar auf den ersten Blick eine triste, düstere Ambiance. Aber sind da nicht einzelne Elemente von Musikzeichen wie auf einem Notenblatt erkennbar? Sekulas Werk ist eine Hommage an den amerikanischen Komponisten John Cage (1912-1992), der zu ihrem Freundeskreis zählt. Die Künstlerin spielt mit ihrem Ölgemälde auf das berühmteste Werk des Musikers an: Es heisst 4'33 und besteht aus... viereinhalb Minuten Stille – Silence. Gemäss dem Komponisten ist da aber nicht nichts, sondern es werden nur viereinhalb Minuten lang «keine hörbaren Töne, sondern Stille» erzeugt. An der Uraufführung am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York, zeigt der Pianist David Tudor die drei Sätze durch Schliessen und Öffnen des Klavierdeckels an, mehr ist da nicht zu hören.

 

>4'33 von John Cage (YouTube-Film)

 

Cy Twombly (1928-2011). Untitled (Bassano in Teverina), 1986. Kunsthaus Zürich.

 

 

Cy Twombly (1928-2011). Untitled (Bassano in Teverina), 1986. Oberes Bild.

 

 

Untitled (Bassano in Teverina), 1986. Unteres Bild.

 

 

>Details

26. April 2022, Referent Daniel Näf

Cy Twombly (1928-2011). Untitled (Bassano in Teverina), 1986.


Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die amerikanische Malerei Fahrt auf und entwickelte unabhängig von den Europäern ihre eigene Kunst. Basierend auf der Philosophie des Existentialismus über MinimalArt und PopArt hin zu abstraktem Expressionismus. Cy Twombly ging eigene Wege. Er setzte sich mit der griechisch-römischen Mythologie auseinander und verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Italien.

 

Das besprochene Werk heisst zwar «Untitled», verweist aber auf seinen Entstehungsort: Bassano in Teverina, ein kleines Dorf im Tal des Tiber, etwa 80 km nördlich von Rom gelegen. Das abstrakt-expressionistische Bild besteht aus zwei Elementen, einem grossen und einem kleinen Bild – übereinander angeordnet. Was stellen die Bilder dar? Weil der Künstler seinem Werk keinen Titel gibt, darf gemutmasst werden. Soll es von oben nach unten «gelesen» werden? Dafür spricht die nach unten fliessende Farbe. Anderseits könnte das untere, kleinere Bild auch die Basis bilden. Eine Wurzel, die nach dem Leerraum in eine Blume übergeht? Oder ist es eine Explosion? Oder ist es die Farbenpalette des Künstlers? Oder stellt (das Hauptbild) einfach ein Lebensgefühl dar? Eine Hommage an das lichtdurchflutete Italien? Jede(r) darf darin sehen, was er mag. Die pastosen (zähflüssigen) Farben sind mit Borstenpinsel (vielleicht auch von Hand) aufgetragen und mit dem Spachtel verarbeitet. An einigen Stellen muss die Farbe auch verdünnt worden sein, damit sie nach unten fliesst.

 

Cy Twombly kommt 1928 in Virginia USA zur Welt. Sein Vater ist ein professioneller Baseballspieler und nennt sich «Cy» (abgeleitet von Cyclone, Zyklon). Den Vornamen gibt er an seinen Sohn weiter. Dieser beginnt 1947 ein Studium an der Boston Museum School. Früh zeigt er Interesse an den deutschen Expressionisten. Am Black Mountain College in North Carolina lernt er Robert Rauschenberg (1925-2008) kennen und belegt einen Malkurs bei Robert Motherwell (1915-1991). Mit Rauschenberg reist er dann in den USA, nach Kuba, in Marokko, Algerien und Italien.

 

1959 heiratet er in New York die Italienerin Tatiana Franchetti, mit der er 1960 nach Rom zieht, wo er sein Atelier einrichtet. Er arbeitet aber nicht nur hier, sondern reist weiterhin intensiv. Nach Griechenland, Ägypten, aber auch immer wieder in die USA. 1987 wird er in die American Academy of Arts and Letters und 1998 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Zuletzt lebt und arbeitet er in Gaeta südlich von Rom. Er stirbt im Alter von 83 Jahren in Rom. >weitere Werke von Cy Twombly

 

Wilfrid Moser (1914-1997). Paris, 1945. Kunsthaus Zürich.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Coin de rue. Litho aus «Paris sans fin», 1958-1965. Kunsthaus Zürich.

 

 

Alberto Giacometti (1901-1966). Vue du boulevard Saint Michel. Litho aus «Paris sans fin», 1958-1965. Kunsthaus Zürich.

 

 

 

>mehr

 

 

19. April 2022, Referentin Gabriele Lutz

Wilfrid Moser (1914-1997). Paris, 1945.

Alberto Giacometti (1901-1966). Lithografien «Paris sans fin»

 

Was haben diese beiden Künstler gemein? Beides sind Schweizer, beide haben sie Paris zu ihrer Wahlheimat gemacht. Allerdings nicht gleichzeitig: Giacometti zog es schon 1922 in die Seine-Stadt und ab 1926 hatte er dort sein kleines Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron 46, das er bis zu seinem Tod 1966 behielt. Moser dagegen kam erst 1939 nach Paris und arbeitete in verschiedenen Ateliers. Gemeinsam ist den beiden auch, dass sie in Paris von der selben berühmten Galerie vertreten wurden: Jeanne Bucher. Die Galerie gibt es heute noch.

 

Wilfrid Moser ist 1914 in Zürich geboren. Sein erster Paris-Aufenthalt dauert nur kurz. Ein Jahr nach seiner Ankunft 1939 muss er bei Kriegsbeginn zurück in die Schweiz und hier ins Militär. Nach Kriegsende zieht er 1945 wieder nach Paris, zuerst in ein ärmliches Hotel-Dachatelier. Dort entsteht auch das besprochene Bild «Paris 1945». Es zeigt den Blick aus seinem Atelier über die Dächer der Stadt. Die dunkle, triste Farbgebung passt zur Stimmung, die direkt nach dem Krieg in Paris herrschte. Mosers Lieblingsmotive in Paris sind aber andere: Ihm haben es besonders die Metrostationen angetan, die er x-fach malt. Sein Bild «Paris 1945» ist eine Art Vorläufer auf seine künftigen Werke: Es weist bereits einige abstrakte Züge auf. Später wird sich Moser ganz der Abstraktion zuwenden, bevor er in den 1960er-Jahren zum Figurativen zurück kehrt.

 

>Alberto Giacometti stammt aus dem Bergell und kommt 1901 in Stampa zur Welt. Er ist der Berühmteste aus der >Künstlerfamilie_Giacometti und vor allem weltbekannt für sein Spätwerk: seine filigranen Skulpturen wie z.B. «L'homme qui marche». Die heute besprochenen Werke sind ebenfalls ein Spätwerk des Künstlers: «Paris sans fin». Es sind Lithographien aus einem Mappenwerk, das aus 150 Elementen besteht. Im Kunsthaus Zürich sind zur Zeit 15 davon ausgestellt. Die Zeichnungen entstanden in den Jahren 1958 bis 1965; die Veröffentlichung erfolgte erst drei Jahre nach seinem Tod durch seinen Verleger-Freund Tériade im Jahr 1969.

 

Diese Lithoreihe ist eine Hommage an die Stadt Paris. Giacometti erkundete jahrelang seine nähere und weitere Umgebung – manchmal auch im Auto – und skizzierte dabei Menschen, Plätze, Cafés und Gebäude. Es heisst, der Künstler habe diese Arbeit als willkommene Abwechslung zu seiner stressigen Beschäftigung mit Porträts im Atelier verstanden. Normalerweise werden Lithographien direkt in den Stein «gezeichnet». Giacometti skizzierte dagegen diese Serie mit einem Lithostift auf beschichtetem Papier, von dort wurden die Skizzen auf den Stein übertragen.

 

Haben sich Giacometti und Moser je getroffen? Eine Aussage Mosers gegenüber seiner Frau spricht eher dagegen: «Im Schatten eines grossen Baumes kann man nicht wachsen», soll er gesagt haben.

 

Danh Vo (1975). «We the people», 2011-16. Kunsthaus Zürich.

 

 

Ein Stück des
Rockes der Liberty.

 

 

Als Ausstellungs-Fragment geplant und ausgeführt (Rückseite).

 

 

 

>Details PDF

 

12. April 2022, Referentin Gabriele Lutz

Danh Vo (1975). Kupferskulptur «We the people», 2011-16.

 

In einem gewaltigen Raum im Chipperfieldhaus liegen ein paar kupfern glänzende Bruchstücke rum. Was steckt dahinter? Es sind vier von über dreihundert Teilen eines veritablen Monumentalwerkes: Fragmente einer Kopie der berühmten Freiheitsstatue im Hafen von New York. Die 300 Teile sind als Kunstobjekte auf der halben Welt verstreut, das Kunsthaus Zürich zeigt vier davon. Der Künstler hat die Statue originalgetreu im Massstab 1:1 nachbauen lassen – in Schanghai. Aber nicht als komplettes Werk, sondern von Anfang ganz bewusst in viele Fragmente zerlegt.

 

Was will der in Vietnam geborene Danh Vo damit aussagen? Der Künstler kann in dieser Statue kein Freiheitssymbol erkennen. Schon gar nicht den «American Dream», vielmehr sieht er in ihr eine «vergewaltigte und verschandelte Ikone». Deshalb wolle er sie in kollabiertem Zustand zeigen. Damit spielt der Künstler auf die Schrecken der Kolonialiserung und der damit verbundenen Unterdrückung des vietnamesischen Volkes durch die Franzosen und auf die Kriegsgräuel der Amerikaner an.

 

Der Titel des Werkes ist ironisch gemeint: «We the people...». Das sind die ersten Worte der amerikanischen Verfassung. Danh Vo stört sich aber auch an den nachfolgenden Versprechen auf Gerechtigkeit, auf das Volkswohl und auf das Glück der Freiheit.

 

Vom Vietnamkrieg ist die Familie Vo selbst betroffen. 1979 flüchtet sie in einem selbstgebauten, seeuntauglichen Boot aus Südvietnam (Boat People). Endziel wären eigentlich die USA, die Familie wird aber von einem dänischen Frachter gerettet und wandert deshalb nach Dänemark aus. Dort wächst Danh Vo auf. Er besucht die Königliche Dänische Kunstakademie in Kopenhagen und studiert auch im Städel in Frankfurt; 2006 zieht er nach Berlin, heute lebt er in Mexico-City und in Berlin.

 

Seine Kunst dreht sich um Identität, Kolonialismus und Migration. Ein weiteres Werk des Künstlers ist ein Kronleuchter aus dem 19. Jahrhundert mit dem Titel «08:03:51, 28. Mai 2009», der im Hotel Majestic in Paris in jenem Raum hing, in dem 1973 das Pariser Waffenstillstandsabkommen zur Beendigung des Vietnam-Kriegs unterschrieben wurde – zu sehen in der National Gallery of Denmark >mehr

 

Im Kunsthaus Zürich ist auch seine Blumen-Tapete aus dem Jahr 2009 zu sehen, die den Raum mit den Fragmenten der Freiheitsstatue schmückt.

 

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Albert Welti
(1862-1912).
Die Eltern des Künstlers, 1899. Schweizerische Eidgenossen-
schaft. Kunsthaus Zürich.

 

 

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Rahmen-Detail.

 

 

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Mittelsäule-Detail. Vater und Mutter tragen die ganze Familie.

 

 

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Detail Säulenfuss.

 

 

 

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5. April 2022, Referentin Andrea Sterczer

Albert Welti (1862-1912). Die Eltern des Künstlers, 1899.

 

Der vorwiegend als Symbolist bekannte Zürcher Maler ist der älteste Sohn von Jakob A. Welti – Begründer des heute noch bestehenden und berühmten Transportgeschäftes Welti-Furrer. Der junge Albert hatte allerdings wenig Lust, das Geschäft des Vaters weiter zu führen und überliess das einem seiner Brüder. Mit 20 erhielt er die Erlaubnis, in Müchen an der Akademie der Bildenen Künste zu studieren. Entscheidend für den Einstieg als Maler war >Arnold Böcklin, der Weltis Vater in einem Gutachten bescheinigte, dass Albert «künstlerisch begabt» sei.

 

>mehr über Albert Welti

 

Das besprochene Gemälde ist eine Hommage an die Eltern des Künstlers. Welti baut das Doppelporträt fast im Stil eines Altarbildes auf. Die Mutter in ihrem protestantisch-schmucklosen Kleid ruht in sich selbst und blickt den Betrachter an; des Vaters Blick ist ernst in die Ferne (die Zukunft?) gerichtet, in seiner rechten Hand eine herrenmässige Zigarre. Im Hintergrund ist Zürich und der Zürichsee zu erkennen – die heutige «Goldküste» noch völlig unverbaut.

 

Der opulent verzierte Holzrahmen ist ein elementarer Bestandteil des Werkes und äusserst detailliert ausgearbeitet. Das Gemälde selbst wird noch von einem weiteren, inneren Rahmen mit Arkaden umfasst, in dem Szenen aus dem Kinderleben der Weltis dargestellt sind. Auf der Mittelsäule bildet der Künstler Vater und Mutter ab, die symbolisch die ganze Familie tragen – insgesamt sieben Kinder.

 

In weiteren Details am linken und rechten Bildrand vermittelt der Künstler einen Einblick in die Erziehungsmethoden, die um 1899 noch herrschten: Links aussen der gestrenge Vater, der seinen Kindern schon mal den Hintern versohlt; in der Mitte und rechts die Mutter, die ihre Söhne und Töchter liebevoll versorgt und offenbar auch für deren Bildung zuständig ist, während sich Vater mit seinen Geschäftsbüchern beschäftigt >Details

 

Das Schriftstück auf Vaters Tisch zeigt nicht nur das genaue Datum der Fertigstellung des Werkes (29. September 1899), sondern enthält auch noch den Wunsch «Vater und Mutter mögen noch lange am Leben sein im 20. Jahrhundert».

 

1901 wurde das Werk durch die Schweizerische Eidgenossenschaft erworben und später dem Kunsthaus Zürich als Leihgabe anvertraut.

 

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Agnes Martin (1912-2004). Untitled 2002 und 1998. Fondation Looser, Kunsthaus Zürich.

 

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Untitled, 2002.

 

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Untitled, 1998.

 

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Untitled, 1998. Detail.

 

 

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29. März 2022, Referentin Maya Karacsony

Agnes Martin (1912-2004). Untitled, 2002/1998.

 

Die beiden Werke der kanadisch-amerikanischen Künstlerin sind im neuen Chipperfieldbau des Kunsthauses Zürich zu sehen. Es sind grossformatige Bilder aus Acryl und Grafit auf Leinwand – beides sind Spätwerke, die die Künstlerin im Alter von fast 90 Jahren malt. Wie sind sie einzuordnen? Handelt es sich um abstrakten Expressionismus? Oder eher um Farbfeldmalerei? Oder um Minimalismus? Die Künstlerin selbst sieht sich nicht als Minimalistin. Ihre Vorbilder waren >Mark Rothko (1903-1970) und Barnett Newman (1905-1970), die beide für ihre Farbfeldmalerei berühmt sind. Agnes Martin sieht in ihren Werken aber auch so etwas wie Meditationsbilder.

 

Der Aufbau dieser quadratischen Werke basiert auf Rasterstrukturen. Es sind mit Bleistift gezogene, horizontale und/oder vertikale Linien. Die Flächen dazwischen sind mit sanften Pastelltönen «ausgefüllt». Für die Künstlerin sind es «Erinnerungen an die Natur». Zum Beispiel ein blauer Himmel? Warum dann aber vertikal? Vielleicht soll er nach oben in die Unendlichkeit weisen? (einer von mehreren Deutungsvorschlägen der KursteilnehmerInnen).

 

In der gelb-blauen Komposition (Untitled, 1998) ist erst im Detail zu erkennen, dass die Flächen zwischen den blauen Balken aus drei verschiedenen, fein abgestuften Gelbtönen bestehen, unterbrochen von Bleistiftlinien, von Hand gezogen. Aussage der Künstlerin: «Die Leute denken, in der Malerei gehe es um Farbe. Es geht hauptsächlich um Komposition. Komposition ist alles.» Und weiter: «Wenn ich Horizontalen ziehe, siehst du diese grosse Ebene, und du hast ein Gefühl, wie wenn du dich über die Fläche ausbreiten würdest.»

 

Agnes Martin wird 1912 in Saskatchewan, Kanada, geboren. 1942 beginnt sie ihr Kunststudium an der Columbia University in New York. Aus ihrer künstlerischen Frühphase sind kaum Werke erhalten. In den 1950ern lässt sie sich von der Natur und der Wüste von New Mexiko begeistern und macht erste Versuche mit abstrakten Bildern. 1957 zieht sie wieder nach New York. Ab jetzt entstehen abstrakte Werke mit Rasterstrukturen, oft Serien von acht bis zwanzig Bildern. 1968 lässt sich sich endgültig in New Mexico nieder. In der Einöde der Wüste schafft sie die meisten ihrer grossformatigen Gemälde. Sie stirbt 2004 in einer Seniorenresidenz in Taos/New Mexico im Alter von 92 Jahren.

 

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André Derain (1880-1954). Bâteaux dans le Port de Collioure, 1905. Kunsthaus Zürich, Sammlung Merzbacher.

 

 

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Henri Matisse (1869-1954). Intérieur à Collioure (La Sieste), 1905. Kunsthaus Zürich, Sammlung Merzbacher.

 

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Henri Matisse (1869-1954). Nature morte (Buffet et table), 1899. Kunsthaus Zürich.

 

 

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22. März 2022, Referent Reto Bonifazi

André Derain (1880-1954). Boote im Hafen von Collioure, 1905.
Henri Matisse (1869-1954). Intérieur in Collioure, 1905.

 

Die Franzosen Henri Matisse und André Derain gehören (zusammen mit Maurice de Vlaminck) zu den drei Gründern des >Fauvismus. Sie malten 1905 im südfranzösischen >Collioure Bilder, die vom Kunstkritiker Louis Vauxelles als Werke von «wilden Bestien» («fauves») beschimpft wurden. Sie zeichneten sich durch leuchtende, kräftige Farben und durch grobe Pinselstriche aus.

 

Die beiden Werke entstanden im gleichen Jahr 1905 und am gleichen Ort (in Collioure), unterscheiden sich aber im Bildaufbau völlig:
Derains Werk mit den Booten entspricht dem jahrhundertelang praktizierten Aufbau einer klassischen Landschaft (wenngleich in moderner Form in grobem >Pointillismus gemalt): mit einem Vordergrund, einer Mitte und einem Hintergrund.

 

Matisse dagegen geht mit seinem «Interieur» völlig neue Wege: er löst die Räumlichkeit auf, verzichtet auf die Perspektive und stellt dem Betrachter knifflige Fragen: Zeigt die Öffnung nach draussen nun ein Fenster oder ist es eine Balkontüre? Die Dame in rot deutet eher auf einen Balkon hin, aber wenn der Blick nach unten gleitet, sieht man zwei Stühle an einer grünen Wand stehen... was eher auf ein Fenster schliessen lässt. Wenn es aber ein Fenster ist – wie kommt dann die Frau auf den Balkon? Verwirrlich ist auch das Bett und die rote Fläche davor. Ist das nun ein Tisch oder ein Teppich, oder sehen wir gar ein Hochbett?

 

Diese Fragen sind zwar nicht schlüssig zu beantworten, aber das Gemälde von Matisse zeigt, dass sich der Künstler nicht nur vom klassischen Bildaufbau entfernt, sondern auch vom Fauvismus, wie ihn Derain noch interpretiert. Matisse bleibt nicht stehen, sondern entwickelt sich weiter in Richtung Moderne. >mehr über Matisse

 

Von Derain weiss man, dass er 1908 viele seiner bisherigen Bilder zerstörte und sich dann Stilen zuwandte, die eher wieder in Richtung der klassischen Malerei tendierten >mehr über Derain

 

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